Die Stadt, dieser Menschenschlucker. Er hasste ihren Lärm, die Enge, den Trubel und hätte am liebsten sämtliche Häusergebirge und Straßenschluchten eingeebnet. Frank Lloyd Wright, der große amerikanische Architekt des 20. Jahrhunderts, sah in der Stadt den Urgrund aller Unmoral - und erfand, um den Menschen zu bessern, das Gegenteil der Stadt - die Unstadt. Eine Siedlung so weit wie der Horizont, die eine geordnete Welt versprach und jedem ein Häuschen mit üppigem Grundstück. Sein halbes Leben lang bastelte Wright am Modell seiner Broadacre City, in dem sich der Gegensatz von Landschaft und Stadt auflösen sollte. Längst ist diese Vision Wirklichkeit geworden.

Die Städte sind weit über sich hinausgewachsen, haben ihr Umland in Agglomerationen verwandelt, in Einfamilienhausreservate, Büro- oder Medienparks, Tankstellen- und Möbelhausgefilde. Entstanden sind sortierte Sektoren einer automobilen Gesellschaft - unstädtisch und unländlich. Überall auf der Welt wuchern diese zwittrigen Ballungsräume und locken immer mehr Menschen an. Lagos zählt 11, Mexiko-Stadt 18 und der Großraum Kalkutta wohl 50 Millionen Menschen. Erstmals in der Geschichte der Menschheit lebt der größere Teil der Bevölkerung nicht mehr auf dem Land. Und die Urbanisierung der Welt geht weiter: Bis 2025 wird sich die städtische Bevölkerung noch einmal verdoppeln, und statt heute 6 wird es 33 Megacitys geben, jede von ihnen mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Vor allem in Fernost und in Südamerika gehört den Gigantopolen die Zukunft.

Ein solcher Anfang ist Tübingen. Nachdem die Franzosen dort vor fast zehn Jahren abgerückt waren, lagen zwei große Kasernengelände brach, ein urbanes Vakuum entstand, von dem keiner wusste, wie es zu füllen sei. Kaum jemand mochte diesen Teil der Stadt, vom Zentrum abgeschnitten durch den Neckar, durch Bahngleise und zwei vierspurige Autotrassen. "Jenseits" nennen sie diese Gegend, die angefüllt ist mit allem, was man sich aus den Augen wünscht: Großdiscountern, Gaswerk, zwei Bauwagensiedlungen und Unterkünften für Asylbewerber. Wie geschaffen schien das aufgelassene Militärgebiet, um nun auch hier ungestalte Nützlichkeiten wuchern zu lassen.

Doch Tübingen entschied sich anders: In der Unstadt sollte Stadt entstehen. Keine Bettenburg, keine Jägerzaunsiedlung und keine hochhausstolze City, stattdessen eine Mischung aus allem, ein Quartier, in dem auf kurzen Strecken gewohnt, gearbeitet, eingekauft wird. Die Peripherie nicht mehr als Gelegenheitsort, sondern als Lebensmittelpunkt, der Stadtrand als pulsierendes Zentrum. Aber lässt sich das auf dem Reißbrett entwerfen, kann man Lebendigkeit programmieren?

Andreas Feldtkeller, damals der Planer des neuen Viertels (ZEIT Nr. 23/99), glaubte nicht an die Erfindung von Fix-und-Fertig-Städten. Nur was mühsam, verwickelt und langsam wächst, wird städtisch - davon war Feldtkeller überzeugt. Damit stellte er die Charta von Athen auf den Kopf, die Le Corbusier 1930 formuliert hatte und die für Generationen zum ehernen Gesetz der Planer geworden war. Propagiert wird darin eine Stadt ohne Zufall, die im Kopf des Architekten entsteht als ein "im voraus durchdachtes Unternehmen". Feldtkeller hingegen sieht im Planer allenfalls den Anschieber und Moderator und versteht die Stadt als Organismus - als ein Wesen, das nur lebt, wenn alle an ihm mitwirken. Einer wie Georg Verhoeven zum Beispiel.

Als das Französische Viertel, wie eines der beiden Militärgelände heißt, noch verlassen dalag, begann der mit zwei Dutzend anderen Wagemutigen, ein Haus zu errichten, das dem Einzelnen alle Freiheit lässt und zugleich der Gemeinschaft verpflichtet ist. Nicht irgendeinen Investor wollte man hier bauen lassen, stattdessen sollte ein jeder sein Traumhaus planen, allerdings eingefügt in ein Etagengebäude. "Das war Basisdemokratie bis zur Unerträglichkeit", erzählt Verhoeven und rauft sich das ohnehin verwuschelte Haar. "Es dauerte Jahre, bis alles unter einem Hut war. Jeder wollte eine andere Wohnung." Heute steht das Projekt 14, wie sie es nennen: ein farbenfroher Gebäudeblock, an dessen Planungsgeschichte nur noch die 16 unterschiedlichen Fensterformate erinnern. "Wer hier nur seine Ruhe sucht, ist falsch", sagt Verhoeven und blickt hinaus auf die Straßenkreuzung. "Hier geht es nicht um Abgeschiedenheit, sondern um städtisches Zusammenleben." Natürlich hat jeder seine Wohnung und kann sich zurückziehen. Jedem gehört ein kleines Gärtlein, ein Balkon oder eine Dachterrasse. Doch es gibt eben auch ein Gemeinschaftshaus, eine Fahrradwerkstatt und eine Sauna. Und einen Innenhof, in den die Baugemeinschaft viele Ideen und eine viertel Million Mark investiert hat. "Früher mussten wir unsere Kinder immer durch die Gegend kutschieren, damit sie ihre Freunde besuchen konnten", erzählt Verhoeven. "Heute gehen sie einfach in den Hof."

Als Kehrseite dieser gemeinschaftlichen Intimität zeigt das Projekt 14 zur Straße hin eine sehr öffentliche Front: Ein Bäcker ist dort eingezogen, der Bioladen Rote Rübe und an der Ecke eine Kneipe mit guter Küche. Die evangelische Kirche eröffnete einen Versammlungsraum, die Kirch' am Eck. Ein ungewöhnliches Miteinander ist entstanden: Einschlafen und Einkaufen, Arbeit und Andacht unter einem Dach. Für die Planer ist das Ungewöhnliche das Prinzip im neuen Quartier, welches heute 2000 Menschen eine Wohnung und 400 einen Arbeitsplatz bietet. Noch acht Jahre lang will man bauen, bis am Ende 6500 Menschen hier wohnen und arbeiten.