Deutschland Immer im Sattel bleiben
Wie die Cowboys reiten, reiten. Immer weiter. Männer träumen von so etwas. Und manche lernen es sogar
Städter sind so leicht zu beeindrucken. Im Wald, auf unbekanntem Terrain, in der Kälte. Da steigen plötzlich diese Nebelkelche vor uns auf, weil die Mittagssonne durch die Baumkronen bricht und nur an ihrer Lichtspitze feuchte Zweige erhitzt. Und zum anderen warten drei Rehe auf uns.
Die Rehe fressen in zehn Meter Abstand und wittern uns nicht. Weil wir auf Pferden sitzen. Deren Geruch überdeckt unser Gemüffel. Und spätestens jetzt ist auch der letzte Zweifler in unserer Ausflugstruppe überzeugt: Wir wollen nie mehr absteigen. Wir reiten!
Zumindest möchten wir das so bezeichnen. Im Schritt. Aber wir vier, wir Glorreichen, tragen Chaps, lederne Manschetten für die Beine, und schwere australische Regenmäntel, die man um die Beine schnüren kann, und wir wollen uns jetzt wie Cowboys fühlen. Allerdings blitzen vereinzelt noch weiße Tennissocken auf.
Unser Gruppenleiter, Wolfgang Arndt-Wagner, hat vor zwei Jahren hier im Sauerland einen Wanderreitbetrieb eröffnet. Und inzwischen hat er sich sogar daran gewöhnt, dass sich so viele Männer anmelden. Schließlich brachte der 43-Jährige selbst einige Umwege hinter sich, bis er seiner Leidenschaft folgen konnte. Ich habe mich immer schon für das Reiten interessiert, aber die Atmosphäre in deutschen Reitställen fand ich zum Kotzen. Zu abgezirkelt.
Zu zackig ... Es dauerte einige Jahre, bis er auf Gleichgesinnte stieß, auf so genannte Geländereiter. In Deutschland werden sie gern als Kraut- und Wiesen-Reiter verschmäht, gerade von den richtigen Westernreitern, der einzigen Alternative zum klassischen englischen Reiten. Westernturniere sind immer beliebter geworden, und deshalb hat auch in den städtischen Cowboykreisen der Dünkel Einzug gehalten.
Arndt-Wagner musste sich in einigen Wanderreitbetrieben vorstellen und zusätzlich an der Wanderreitakademie lernen. Im Gelände sind nämlich andere Dinge wichtig als eine korrekte Vorderhandwendung. Hufbeschlagen ohne Werkzeug, Erste Hilfe, Kompasslesen, Kartenlesen und so weiter ...
Die schwierigsten Kunden sind Männer über vierzig Und weil er selber erst mit 35 Jahren zu reiten begann, kann er in seiner Sauerland-Ranch in Holthausen mit Anfängern einfühlsam umgehen. Gerade mit der schwierigsten Klientel - Männern im fortgeschrittenen Alter. Denen will er beibringen, dass Mensch, Natur und Pferd ziemlich viel miteinander zu tun haben. Weil Geländereiten ein wenig gröber ist als das klassische Reiten, ist es schneller zu erlernen. Schließlich geht es um eine Art Survivaltraining, nicht um Dressurpreise.
Eine Verlockung, die zieht. Viele Männer fasziniert das Cowboyspiel seit Kindertagen, viele Männer wandern gern durch die Berge - aber sich jahrelang in Reithallen in der Abteilung von brüllenden Reitlehrern kujonieren zu lassen, bevor es dann vielleicht mal zehn Minuten ins Gelände gehen könnte - nein, danke.
Genau, nickt der 51-jährige Sozialarbeiter Uli Esser, einer der glorreichen Cowboys und Reitanfänger. Seine Frau reitet, seine Tochter reitet - das nagt.
Irgendwann wollte er nicht mehr vom gemeinsamen Galopp ausgeschlossen sein.
Zusammen mit seinem 39 Jahre alten Kollegen Dieter Köhler hat er sich auf das Wagnis eingelassen. Der jüngste Cowboy in unserer Wochenendrunde ist Jan-Henrik Berger, 27 Jahre alt und gelernter Kunstschmied. Zum Reiten kam er, weil er sich für den amerikanischen Bürgerkrieg interessiert. Irgendwann hatte er begonnen, Zaumzeug nach Originalvorlagen selber zu bauen. Seine Cousine besitzt Ponys und ein Warmblut, dort hat er das Sitzen im Sattel geübt, natürlich ohne Unterricht. Allein die Vorstellung, einen Reitstall zu betreten, bereitet ihm Widerwillen. Jan ist zudem versessen auf sommerliche Biwak-Ritte, die Arndt-Wagner ebenfalls anbietet. In freier Natur zu übernachten, in einem Zelt oder im Schlafsack, neben dem Pferd, neben einem Lagerfeuer, davon schwärmt er schon, seit wir uns morgens auf den Weg gemacht haben. Übrigens könne er auch kochen - Eintöpfe und Schmorgerichte, Gulasch ..., Originalrezepte aus dem Bürgerkrieg.
Irgendwann acht Tage auf dem Pferderücken Unterwegs im Wald quatscht die Cowboytruppe wieder munter zuvor haben wir meist konzentriert geschwiegen. Am Vormittag hat Wolfgang uns die Grundkenntnisse des Reitens zu vermitteln versucht. Überraschenderweise ohne Sattel, einfach so, auf dem Pferderücken. Wie ein solches Tier sich bewegt.
Wie wir Anfänger uns bewegen müssen, um die Bewegungen des Pferdes zu spüren.
Denn: Ein guter Reiter bewegt sich mit dem Pferd. Der Körperkontakt zwischen Pferd und Mensch ist laut Arndt-Wagner dabei das A und O. Was muss ich tun, damit ich das Pferd im Bewegungsablauf nicht störe? Ich muss mich wie ein Teil des Pferdes fühlen, Zentaur werden ..., heißt es einmal scherzhaft.
Die Konzentration und die Ruhe, die wir auf dem Platz gelernt haben, sind jetzt im Wald eine noch größere Herausforderung angesichts der vielen Eindrücke ringsum. Morgen, am dritten Tag des Einführungsrittes, sollen wir schon fünf bis sechs Stunden im Sattel schwingen. Ob das klappt?
Die Pferde sind für diesen Anlass jedenfalls gut vorbereitet, das tröstet uns. Sie stehen ganzjährig im Offenstall, im Herdenverband, sind also an die Natur gewöhnt, an die Geräusche und die Bewegungen von Flugzeugen, Traktoren und anderem Gerät. Derzeit sind es acht Pferde, Quarter- und Morgan Horses und zwei Mischlinge, die aber für das Westernreiten ausgebildet wurden.
Stoisch tragen uns die Tiere in Höhenlagen, die zu Fuß unerreichbar scheinen, und ebenso unerschrocken klettern sie abwärts. Ein einziges Mal nur hebt Jess seine weiße Mähne - nicht, weil sich ein Indianer angeschlichen hätte, sondern weil sich ein Mountainbiker in papageiengelber Montur von hinten an uns vorbeidrängeln will. In der Ruhe des Waldes tatsächlich auch für Menschen ein Schreck.
Einen ganzen Tag lang durchqueren wir Bäche und Schluchten, in denen uns kein Mensch begegnet. Zu matschig für Fußgänger und viel zu einsam. Mittags rasten wir auf einer Lichtung. Selbst Regen bekommt hier eine andere Note. Die dampfenden Pferde stimmen uns melancholisch. Und die Einsamkeit. Und das Gefühl, dass Menschen früher so gelebt haben, wie wir jetzt unterwegs sind, von einem Ort zum nächsten. Vergessene Wege, vergessene Orte. Und Mythen.
Hexenpunkte. Das nasse Fell der Pferde dampft, und über unseren Köpfen kreisen Bussarde.
Das ist der Moment, wo wir uns zulächeln. Wir Großstädter, die sich in die Natur wagen und im Land der tausend Berge und Täler gelandet sind. Wir haben sie unterschätzt, die Pracht des Rothaargebirges, in unserer Hochnäsigkeit. Die Gebirgskette erhebt sich zwischen den Ballungsräumen des Rhein-Main- und des Ruhrgebiets.
Natürlich bietet der Wanderreitbetrieb auch Touren für geübte Reiter an, sogar für Paare gibt es Offerten. Und wem drei Tage Wald zu wenig sind, für den ist ein Achttageritt rund um den Rothaarkamm sicherlich eine Offenbarung.
Allerdings ist hierfür gute Kondition Bedingung. Und reiterische Erfahrung.
Schließlich werden in den acht Tagen rund 220 Kilometer zurückgelegt. Eine Entfernung, die man besser nicht in Straßenkilometer zurückrechnet, denn die Strecke verläuft querfeldein, in extremen Höhenlagen.
Trotzdem heißt es: 30 bis 35 Kilometer täglich im Sattel sitzen. Dabei gilt es auch noch, eine weitere Einschränkung zu akzeptieren: kein besinnungsloses Galoppieren. Das Wichtigste auf Wanderritten ist eben, Natur zu erleben und wohlbehalten zurückzukehren.
Von solchen Langstrecken sind wir allerdings noch weit entfernt. Aber wir wirken schon ziemlich echt. Der Beweis: Gegen Abend stoßen wir aus dem Unterholz hervor, um hinter einem Wanderweg wieder im Dickicht zu verschwinden. Eine Gruppe Spaziergänger verfolgt uns dabei fassungs- und sprachlos, als seien wir Außerirdische.
Dabei sind wir doch Cowboys. Waschechte Helden. Dass die das nicht gemerkt haben.
- Datum 08.12.2008 - 11:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24/2000
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