In Altenholz wächst sie also heran - die internationale Sprachelite von morgen. Weit oben im Norden, zwischen Eckernförde und Kiel. Noch führt sie ein Schattendasein, still und unbemerkt von großer Öffentlichkeit, ein bisschen laut nur in den Hofpausen. Schmal und jung sind die 18 Modellschüler, lernen gerade lesen und schreiben, wie es alle tun, wenn sie in die erste Klasse kommen. Aber wenn sie addieren und subtrahieren, dann reden sie dabei Englisch, das sie bis vor kurzem nur aus Popsongs kannten. Immersion nennen Linguisten das, was in einer ersten Klasse der Claus-Rixen-Schule in Altenholz gerade versucht wird: Das Eintauchen in eine fremde Sprache, der selbstverständliche Umgang mit ihr. Ganz nebenbei Englisch lernen, ohne sich ständig darüber bewusst zu sein. Mathe heißt dann mathematics, Heimatkunde social studies, Musik music und so weiter - allein in Deutsch und Religion wird Deutsch gesprochen, in allen anderen Fächern ausschließlich Englisch. Selbst in den Pausen ist den Lehrern keine deutsche Silbe zu entlocken. Diese Masche gehört zum Prinzip. Genau wie die ständige Aufforderung: "Try it in English!" Und meistens funktioniert das sogar, erst kommt ein Halbsatz, dann ein ganzer und später erzählen sie eine richtige Geschichte.

"Nur intensive Förderung führt zum Erfolg"

Von der dritten Klasse an wird in Bundesländern wie Rheinland-Pfalz, Hamburg oder Saarland verpflichtend Englisch oder Französisch unterrichtet. Ähnliches planen für die kommenden Jahre etwa Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Brandenburg. Baden-Württemberg hingegen wagt sich weiter vor. Kultusministerin Annette Schavan (siehe unten: Meine Lehrjahre) will bis zum Schuljahr 2004/05 flächendeckend in den Grundschulen eine Fremdsprache zum Pflichtfach machen - und zwar von der ersten Klasse an.

"Je früher Kinder beginnen, die erste Sprache zu erlernen, desto besser ist es", sagt der Linguist Henning Wode von der Universität Kiel, der den Schulversuch in Altenholz wissenschaftlich betreut. Dabei komme es auf ein gründliches Sprachtraining an. "Nur die wirklich intensive Förderung führt zum Erfolg. Eine Stunde pro Woche bringt gar nichts." Geht der Plan des Altenholzer Pilotprojektes auf, könnten die Schüler mit der zweiten und dritten Fremdsprache bereits beginnen, wenn andere Gleichaltrige gerade die erste erlernen. Mit drei Fremdsprachen seien die jungen Europäer für die Anforderungen eines immer internationaler werdenden Arbeitsmarktes gut gewappnet, sagt Henning Wode. Englisch als einzige Fremdsprache werde bald kein Wettbewerbsvorteil mehr sein, sondern pure Selbstverständlichkeit.

Sein Urteil, dass das frühe Erlernen einer zweiten Sprache keine negativen Nebenwirkungen habe, kann Wode auf Studien aus dem Ausland stützen. Im französischen Elsass werden die Kinder im Kindergarten seit Mitte der neunziger Jahre auf Französisch und auf Deutsch unterrichtet. Untersuchungen haben ergeben, dass sie in der Schulzeit weder in Französisch noch in Mathematik schlechter seien als ihre Mitschüler, die nur eine Sprache gelernt haben. Für die Entwicklung der Muttersprache soll ein frühes Fremdsprachenlernen sogar von Vorteil sein. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch kanadische Studien über die Leistungen von Schülern mit Englisch als Muttersprache, die vom fünften Lebensjahr an Französisch gelernt haben.

Für den Dortmunder Fremdsprachendidaktiker Helmut Sauer hingegen ist Englisch ab Klasse eins ein Schritt zu viel. "Es ist sinnvoller, sich zunächst zwei Jahre intensiv mit der Muttersprache zu beschäftigen, sonst wird sie vernachlässigt." Mit der Fremdsprache könne man ab Klasse drei richtig einsteigen. Der frühe Fremdsprachenbeginn berge auch die Gefahr, dass sich eine Grundschulklasse zu schnell in die "Erfolgreichen und weniger Erfolgreichen differenziert, was in den ersten vier Jahren aber nicht wünschenswert ist".

Die Unsicherheit bleibt also. Deutlich wird das an der Vielzahl der Projekte und Unterrichtsformen, mit denen die meisten Bundesländer in den vergangenen Jahren eine Fremdsprache in der Grundschule eingeführt haben. Die meisten Bundesländer praktizieren den Fremdsprachenunterricht als so genannten Begegnungsunterricht. Noten gibt es keine.