Die Zukunft der Fakten

Tom Kummer ist nur ein Symptom oder: Wie der Journalismus zur schlechten Literatur, die Literatur zum schlechten Journalismus geworden ist

I. Fiction: Warum schreiben Sie? - Weil ich auf meine alten Tage etwas Anständiges lesen möchte ... Die eine Frage, die Gretchenfrage, und die unterschiedlich originellen Antworten haben sich wohl aus dem Konversationsrepertoire der Dichterlesungen verabschiedet. Aber die andere, die zweite, ist nicht totzukriegen: Wie viel an Ihrem Text ist autobiografisch?

Man kann auch eine kleine Nummer im Kosmos des Literaturbetriebs sein, und doch bekommt man sie immer wieder aufgetischt, die Frage nach dem Wirklichen, dem Erlebten, dem Faktum der eigenen Biografie in den Texten. Kein ästhetischer Exkurs, kein widerwilliges Abwinken, kein "Bitte, der Nächste!" helfen. Unbeirrt möchten die Leser wissen, was fiktiv und was faktiv an einer Erzählung sei. Letzteren Begriff habe ich aus der Autobiografie von Eric Ambler, der schildert, wie er auf Lesetourneen unablässig zu diesem Verhältnis ausgefragt und auch rüde angegangen wurde, weil er sich als Person zu wenig in seine Texte "einbringe".

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Zum einen haben wir die Suche nach der Psyche des Autors Sigmund Freud zu verdanken, der die Literatur mit dem Traum verglichen und eine Reihe literarischer Werke nach dem Muster seiner Traumdeutung analysiert hat. Tatsächlich wird jeder Autor, der sich die eigenen Erzählungen genauer anschaut, die Tagesreste finden, die auch in Träumen auftauchen: die äußere Beschreibung einer Figur, die sich an einen durchaus existenten Onkel Heinrich anlehnt; eine Geste oder einen Tick, den angeblich Napoleon gehabt haben soll (man hat das irgendwo gelesen); ja, ganze Handlungsabläufe, die einem der Nachbar als die reale Geschichte des Herrn Soundso erzählt hat.

Die fragenden Leser oder die Nervensägen, wie Ambler sie nennt, versprechen sich von der Entlarvung solcher (mehr oder weniger) realen Tagesreste einen Einblick in die Person des Autors, den sie ja tatsächlich kennen lernen wollen, wenn sie sich zu einer Lesung begeben. Die Psychologie, ergänzt durch eine beträchtliche Dosis Voyeurismus, ist der westlichen Gesellschaft seit mindestens vier Jahrzehnten zur Obsession geworden.

Zu diesem manischen, psychologischen Interesse gesellt sich die nächste Besessenheit unserer Zeit: die Sucht nach Verwertbarem. Zum einen wollen Leserinnen und Leser wissen, was die Botschaft eines Textes sei (früher war es die politische Botschaft), zum anderen wollen sie einen Lerngewinn erzielen, wenn sie ein Buch lesen. Jeder angelsächsische Bestseller erfüllt, nebst der obligaten Spannung, dieses Kriterium der Information. Wer einen Ken Follett, Frederick Forsyth, John LeCarré gelesen hat, weiß über den Uranhandel in den Republiken der ehemaligen Sowjetunion, die georgische Mafia oder über Geldwäscherei Bescheid, wenn er auch noch nicht weiß - wie Eric Ambler seine Absicht definierte -, "wie es zugeht in der Welt".

Das Bedürfnis nach Information, übrigens auch nach Historie - man bedenke den Erfolg von Biografien und historischen Romanen -, ist gewiss nicht verwerflich, doch man kann sich fragen, was es mit Literatur oder Kunst zu tun hat. Falls wir uns einig sind, dass Shakespeares Hamlet oder auch Borges' Erzählungen Kunstwerke sind, so ist doch deren Informationsgehalt im faktischen Sinn (wie es zugeht auf der Welt) eher gering. Dass Unentschlossenheit katastrophale Folgen haben kann, wissen wir auch, ohne den Hamlet gelesen zu haben. Es ist die Veranschaulichung eines Prinzips, die die ästhetische Leistung von Hamlet ausmacht, es ist das Wie und nicht das Was.

Dieses Wie hat nicht nur mit Ästhetik zu tun, sondern auch mit Genuss. Dass wir in einem genussfeindlichen Zeitalter leben, zeigt sich auf banale Weise an den Körperkasteiungen, die sich ein Großteil der westlichen Menschheit für Fitness und Linie antut, vermutlich auch an der politischen Korrektheit, die jeden sinnlichen Witz verunmöglicht. Auf hinterhältige Weise bestimmt diese Genussunfähigkeit auch unsere Ansicht von Kunstwerken, von denen nicht mehr Schönheit und Eleganz, sondern Information, Aktion, Psychologie und Lebenshilfe erwartet werden.

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