Das Buch, ein Roman von 351 Seiten, hat die besten Chancen, keine Leser zu finden, und das, obwohl es voller Witz und Fantastik ist, spannend, informativ, kurzum ein ganz und gar ungewöhnliches Buch. Vor vier Monaten erschienen, ist es im deutschen Feuilleton bislang noch nicht besprochen worden. Woran liegt es, dass ein Roman derart unbeachtet bleibt? Die Antwort ist einfach: Der Autor ist Afrikaner. Der Roman spielt in Afrika, erzählt von Afrika.

Man muss dafür nicht gleich eurozentristische oder gar rassistische Gründe anführen. Die afrikanischen Kulturen sind nun mal ferner und fremder als etwa die stärker europäisch beeinflusste lateinamerikanische.

In letzter Zeit scheint das Interesse an Afrika jedoch abermals abgenommen zu haben. Die andauernden Katastrophenmeldungen erzeugen offensichtlich resignative Gleichgültigkeit. Die Probleme haben sich nach Ende des Kalten Krieges nicht, wie gehofft, verringert, sondern zugespitzt. Hungersnöte, Bürgerkriege, Korruption, Terror von ethnischen Banden, die sich Befreiungsbewegungen nennen, sowie offener staatlicher Terror gegen Kritiker und Oppositionelle, Folter, willkürliche Hinrichtungen, dazu die sich beschleunigende Verarmung, Kriminalität, Aids: ein kultureller Auflösungsprozess verbunden mit der Depravation ganzer Bevölkerungsschichten.

Wie ist es dazu gekommen? Warum ändert sich nichts? Und wenn, dann nur zum Schlechten?

Diese Fragen treiben den Schriftsteller Ahmadou Kourouma um. Kourouma wurde 1927 an der Elfenbeinküste geboren, schreibt auf Französisch und hat bislang drei Romane veröffentlicht, zuletzt En attendant le vote des bêtes sauvages, der, 1999 in Frankreich erschienen, dort zum Beststeller wurde, hoch gelobt von den Kritikern wegen seines Witzes und der ungewöhnlichen Erzählform. Der Titel der deutschen Übersetzung lautet Die Nächte des großen Jägers. Der große Jäger, das ist Koyaga, ein Unteroffizier, der nach Abzug der französischen Kolonialmacht General wird und sich wenig später in das Präsidentenamt putscht. Vater der Nation lässt er sich nennen, residiert, von den "Hyänenhunden" seiner Leibwache geschützt, in riesigen Palästen und regiert das Land, die so genannte Golfrepublik, wie sein Eigentum. Kourouma hat für diese breit angelegte Historiografie, die zugleich auch eine Hagiografie ist, die traditonelle westafrikanische Form des oralen Erzählens gewählt, das Donsomana. Ein episches Heldengedicht, das ein Erzähler, ein Sora, an sechs Abenden vorträgt und das von einem Antworter, einer Art Hofnarr, mit Hohn und Spott begleitet wird. Der eine feiert und lobt, der andere reißt darüber seine Witze, so wird das Leben des Vaters der Nation erzählt, das zugleich auch die Geschichte seiner Familie und seines Volkes ist. Der Präsident kommt aus der Gesellschaft der großen Jäger, der Nackten, von den Missionaren und Ethnologen Paläos genannt. Schon der Vater des Präsidenten, Tchao, war als Sieger des alles entscheidenden Initiationsringens hoch geachtet. Denn das Ringen ist bei diesem Volk die wichtigste Form, soziale Anerkennung zu gewinnen. Auch mit den Frauen muss gerungen werden, will man sie ehelichen. Der Kampf zwischen Tchao und Nadjouma wütete mehrere Stunden, Bäume und Boden wurden zerstampft, bis Tchao sie endlich bezwungen hatte und Koyaga gezeugt werden konnte.

Den Kampfwert des Ringers Tchao erkennen auch die Franzosen und schicken ihn in den Ersten Weltkrieg, nach Verdun. Dort zeichnet er sich aus, wird mit Orden dekoriert und kehrt zurück, kann aber wegen der unter den Paläos vorgeschriebenen Nacktheit seine Orden nicht tragen. So bricht er dieses Tabu und zieht seine Uniformjacke an. Ein Tabubruch, der genau genommen mit dem Tod gesühnt werden müsste, nun aber die Gemeinschaft der Paläos für europäische Einflüsse aufsprengt. Die funkelnden Orden, das bunte Tuch üben eine starke Attraktion aus, besonders auf Frauen, und schon bald laufen mehr und immer mehr Männer in Uniformjacken herum, das heißt, sie melden sich freiwillig zur französischen Kolonialarmee.

Das macht die Qualität von Kouroumas Erzählen aus, dass er immer wieder Situationen findet, die mit Witz und Ironie den Zusammenstoß von alten, festgefügten Lebensformen mit der europäischen Zivilisation beschreiben. Die Folgen sind bekannt: die Auflösung der Gemeinschaft und der traditionellen Kultur. Einzelne ihrer Elemente aber bleiben erhalten, insbesondere der die Mentalität bestimmende magische Glaube, der das abendländische Denken absorbiert und sich anverwandelt.