Lieber Herr Möller!

Offener Brief des Historikers Heinrich A. Winkler an den Direktor des Instituts für Zeitgeschichte von Heinrich August Winkler

Nun haben Sie also getan, was nicht zu tun ich Sie in meinem Brief vom 26. Mai dringlich gebeten hatte. Sie haben am 4. Juni die Laudatio auf Ernst Nolte anlässlich der Verleihung des Konrad-Adenauer-Preises der Deutschland-Stiftung gehalten.

Dass Sie mit einigen zentralen Thesen des Preisträgers nicht übereinstimmen, haben Sie ausdrücklich festgestellt. Aber das Lob überwog die einschränkenden Bemerkungen bei weitem, und da Sie als Laudator und nicht als Kritiker auftraten, konnte es auch nicht anders sein.

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Sie haben zu Beginn Ihrer Rede betont, dass Sie als Person und nicht für eine Institution sprächen. In Wallensteins Tod lässt Schiller den Oberst Wrangel sagen: "Ich hab hier bloß ein Amt und keine Meinung." Sie haben dieses Motto gewissermaßen auf den Kopf gestellt: "Ich hab bloß eine Meinung und kein Amt." Aber Sie haben ein Amt, das des Direktors des Instituts für Zeitgeschichte, und noch ein anderes: das des deutschen Ko-Vorsitzenden der Gemeinsamen Kommission zur Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen.

Ihre öffentliche Ehrung Ernst Noltes hat beiden Ämtern Schaden zugefügt. Die Preisverleihung war ein Politikum, und Sie wussten, von welcher Art es sein würde. Ich wiederhole hier nicht die sattsam bekannten Äußerungen Noltes, die 1986 den "Historikerstreit" auslösten. Ich führe lediglich einige der späteren, von Ihnen nicht zitierten öffentlichen Bekenntnisse des Preisträgers an, die ein hinreichender Grund hätten sein müssen, keine Lobrede auf ihn zu halten.

Am 19. Mai 1994 äußerte Nolte anlässlich der Regierungsbeteiligung der italienischen Postfaschisten in der Woche, Italien gehöre zur Avantgarde und der Nationalismus der Rechten sei heute rein defensiv. "Die Rechte verteidigt die Nation als eine Art Zuflucht oder lebbare Behausung gegen eine kosmopolitische Linke ... Wenn man davon ausgeht, daß die Rechte überall sehr stark an den Rand gedrängt worden ist, muß man sagen, daß der Wind von rechts eine sehr gesunde Erscheinung ist ..." Fünf Monate später, am 3. Oktober 1994, erklärte Nolte in einem Interview mit dem Spiegel: "Im Augenblick verdienen die rechtsradikalen Geistesströmungen eher Unterstützung als die linksradikalen."

Im gleichen Interview bemerkte Nolte, der Zweite Weltkrieg sei "tendenziell, der Möglichkeit nach, auch ein europäischer Einigungskrieg" gewesen. "Die bloße Tatsache der Gewaltanwendung liegt so sehr in der bisherigen Geschichte, daß man daraus allein dieses absolute Verdammungsurteil nicht herleiten kann." Er sei "sehr skeptisch gegenüber einer Charakterisierung sämtlicher Kriege, die Hitler geführt hat, als ,Überfall'". Am Einsatz von Blausäuregas in Auschwitz äußerte Nolte zunächst Zweifel, fügte dann aber hinzu: "Was mich persönlich am meisten davon überzeugt, daß es in großem Umfang Massenvernichtungen in Gaskammern gegeben hat, ist der häufige Gebrauch des Wortes ,human' in diesem Zusammenhang und zwar sowohl bei Hitler selbst wie bei anderen Nationalsozialisten."

Das sagt der Mann, auf den Sie die Lobrede gehalten haben. Das ist der Konrad-Adenauer-Preisträger der Deutschland-Stiftung, von dem sich die Vorsitzende der CDU, Angela Merkel, öffentlich distanziert hat. Die hier zitierten Äußerungen Noltes aus dem Jahr 1994, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung veranlassten, Beiträge dieses Autors nicht mehr zu veröffentlichen, werden Ihnen nicht präsent gewesen sein, als Sie der Deutschland-Stiftung Ihre Zusage gaben. Dass Sie dem, was Nolte da verkündet, nicht zustimmen, weiß ich.

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