"Schlagt ihn, wo ihr ihn trefft"

In Schleswig-Holstein terrorisieren Neonazis Gewerkschafter und Politiker - und der Innenminister verharmlost

Elmshorn

Es ist schwierig, die Hände zu beschäftigen. Zabel fummelt abwechselnd an der Süßstoffdose und dem metallenen Zeigestab, den er wie eine Radioantenne zusammenschiebt und wieder aufzieht. Täglich vier Packungen Prince Denmark hatte er zuletzt geraucht. Jetzt brauchen die Finger etwas anderes zum Festhalten. Zabel hat vier Wochen Kur hinter sich. Vier Wochen, in denen die kugelsichere Weste im Schrank blieb und er sich nicht mit der Anleitung zur Früherkennung von Briefbomben befassen musste. Diese Pause schien ihm der geeignete Zeitpunkt zu sein, sich das Rauchen abzugewöhnen.

Dies sind keine Jagdszenen aus Ostdeutschland. Elmshorn liegt dreißig Kilometer von Hamburg entfernt in Schleswig-Holstein, und Zabel ist dort nicht der Einzige, der seit einigen Monaten durch die militante rechtsextremistische Szene bedroht wird.

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Der Ärger, wenn man es denn so salopp nennen will, begann im April vergangenen Jahres mit einer Demonstration von Neonazis "für Meinungsfreiheit". Etwa 60 Teilnehmer aus "Kameradschaften" in Hamburg, Pinneberg und Neumünster hielten ihre rasierten Häupter in den strömenden Regen und skandierten Slogans gegen den "linken Meinungsterror", womit in diesem Fall ein lokales "Rock gegen rechts"-Konzert der IG-Metall-Jugend gemeint war. Auf der anderen Seite standen 150 Gegendemonstranten, darunter Zabel und die SPD-Bürgermeisterin Brigitte Fronzek. Dazwischen ein für Elmshorner Verhältnisse imposantes Polizeiaufgebot.Vielleicht hätte man es dabei bewenden lassen und die Sache nicht weiter "hochschaukeln" sollen. Das findet jedenfalls Klaus Buß, Schleswig-Holsteins Innenminister und Parteigenosse von Brigitte Fronzek. Ein bisschen, so muss man seinen Worten entnehmen, seien die Elmshorner an den Ereignissen der folgenden Monate selbst schuld.

Klaus Buß ist ein wohlmeinender Mann, und dass Rechtsextremismus zu bekämpfen ist, "muss mir niemand erklären". Aber auf das Plakat mit der Aufschrift "Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen", das von der Bürgermeisterin mitinitiiert worden war, hätte man nach seiner Ansicht verzichten sollen. Dann wäre es nicht unzählige Male abgerissen oder mit Hakenkreuzen überschmiert worden. Dann hätte es vielleicht keine Drohbriefe vom Nationalen Widerstand, kein kugelgroßes Loch in Brigitte Fronzeks Küchenfenster und keine Stahlkrampen in ihrer Straße gegeben.

Die Serie von Anschlägen hatte zweierlei zur Folge: eine "Vandalismusberatung" für die Bürgermeisterin durch das Kieler Landeskriminalamt. Und eine wachsende Bereitschaft der Elmshorner, die Plakataktion mit ihrer Unterschrift zu unterstützen. Elmshorn hat 50000 Einwohner, und die meisten möchten nichts als ihre Ruhe haben. Aber wenn es um Neonazismus geht, sind die Leute hier überdurchschnittlich stur. Hier erinnert mitten in der Fußgängerzone eine Tafel an die Selbstbefreiung von den Nazis durch ein Bündnis von Kommunisten und Sozialdemokraten. Hier hat sich seit 1945 kein Alt- und Neonazi mehr blicken lassen. Also unterschrieben auf dem Plakat nicht nur die Gewerkschaften, die SPD und der Türkische Elternbund, sondern auch Betriebe, Kneipen, Schuldirektoren, der Elmshorner Männerturnverein von 1860. Die Liste wurde noch länger, als im Februar erneut 100 Neonazis durch Elmshorn marschierten und skandierten: "Linke haben Namen und Adressen, kein Vergeben, kein Vergessen."

10000 Mark Kopfgeld für einen Antifaschisten

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