Ein Institut im Zwielicht
Mit seiner Laudatio auf Ernst Nolte hat Horst Möller dem Münchner Institut für Zeitgeschichte schweren Schaden zugefügt. Sein Auftritt markiert den Bruch mit der großen wissenschaftlichen Tradition des Hauses
Das Münchner Institut für Zeitgeschichte ist ins Gerede gekommen, seit sein Direktor Horst Möller, alle gut gemeinten Ratschläge in den Wind schlagend, sich dazu bereit fand, eine Laudatio auf Ernst Nolte zu halten. Vom Niedergang, ja vom Ruin einer einst hoch renommierten Institution war die Rede. In einem Brief an die Süddeutsche Zeitung legten Mitarbeiter des IfZ unterdessen gegen diese Bewertung Einspruch ein und distanzierten sich in vorsichtiger Form von den Umtrieben ihres Amtschefs. Der wiederum sieht in seiner Antwort auf den offenen Brief von Heinrich August Winkler in der ZEIT eine "Rufmordkampagne" am Werk, die darauf abziele, ihn mundtot zu machen.
Vor einem halben Jahr schien die Welt noch in Ordnung zu sein. Da feierte das von Bund und Ländern gemeinsam finanzierte IfZ, mit derzeit mehr als 80 Mitarbeitern das größte geschichtswissenschaftliche außeruniversitäre Institut in Deutschland, in einem großen Festakt und mit einer dicken Festschrift sein 50-jähriges Bestehen. Von einer "außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte" und einer glänzenden Zukunft wurde damals gesprochen. Wer hinter die Fassade dieser plakativen Selbstzufriedenheit blickte, dem drängte sich indes ein anderer Eindruck auf. "Wohin geht das Institut für Zeitgeschichte unter Horst Möller?", sorgte sich die FAZ- Redakteurin Franziska Augstein .
Die Geschichte des Instituts ist aufs engste verknüpft mit der Entwicklung der Zeitgeschichtsschreibung in der Bundesrepublik, ja es hat diese überhaupt erst als neue Disziplin im Kanon der Geschichtswissenschaft durchgesetzt. Als die Universitäten noch einen großen Bogen um die Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Massenverbrechen machten, wurde in München bereits eifrig geforscht, wurden Quellen gesammelt und Zeitzeugen befragt. Gerichte und Behörden wandten sich an das Institut, weil sie, sei es bei der Wiedergutmachung für die Verfolgten oder bei Strafverfahren gegen die Täter, des fachlichen Rates bedurften. Besondere Bedeutung erlangten die Gutachten für den Frankfurter Auschwitz-Prozess, die 1965 unter dem Titel Anatomie des NS-Staates veröffentlicht wurden - eine Pionierleis-tung zeithistorischer Forschung.
In der gutachterlichen Tätigkeit verbanden sich zwei konstituierende Elemente der Zeitgeschichte: die Pflicht zur nüchternen wissenschaftlichen Klärung und die Verpflichtung zur engagierten politischen Aufklärung. Mitarbeiter der ersten Forschergeneration am Institut erinnern sich noch heute an den Enthusiasmus, mit dem sie zu Werke gingen. Der Gedanke an materielle Sicherung, an Stellung und Karriere sei ihnen ganz zweitrangig erschienen.
Unter den Direktoren Paul Kluke (1953 bis 1959) und Helmut Krausnick (1959 bis 1972) war es gelungen, die Arbeit des IfZ auf eine feste Grundlage zu stellen. Nicht nur als Stätte der Forschung hatte es sich mittlerweile etabliert, sondern auch als wissenschaftlicher Dienstleistungsbetrieb - mit einem Archiv, einer Bibliothek, mehreren Publikationsreihen und einer eigenen Zeitschrift, den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte . Doch seinen eigentlichen Rang und seine internationale Reputation erhielt das Institut erst in der Ära Martin Broszats, der es 17 Jahre lang, von 1972 bis zu seinem Tode 1989, leitete.
Einen "Meister der deutschen Zeitgeschichte, einen ihrer gelehrtesten, anregendsten und überzeugendsten Interpreten" hat Saul Friedländer Broszat zu Recht in einem Nachruf in der ZEIT genannt . 1926 in Leipzig geboren, hatte der Angehörige der HJ-Generation das Kriegsende als Soldat erlebt, war 1949 nach Köln gegangen und hatte dort 1952 bei Theodor Schieder promoviert. 1955 kam er ans IfZ, veröffentlichte eine Reihe von Studien, unter anderem zur Nationalsozialistischen Polenpolitik 1939-1945, bevor er mit seinem Hauptwerk Der Staat Hitlers (1969) eine bis heute unübertroffene Strukturanalyse der NS-Herrschaft vorlegte.
Als Institutsdirektor verstand es Broszat, ein hoch motiviertes Team hervorragender Wissenschaftler um sich zu scharen. Er war ein großer Anreger, sprühend vor Ideen, aus denen er unermüdlich Projekte schmiedete. Dazu gehörten etwa die Dokumentation Akten zur Vorgeschichte der Bundesrepublik, die in Gemeinschaft mit dem Bundesarchiv entstand, ein dreibändiges Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, das Kolossalvorhaben einer Rekonstruktion der Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP, vor allem aber die sechsbändige Untersuchung Bayern in der NS-Zeit, sein Lieblingsprojekt, mit dem er der Alltagsgeschichte des "Dritten Reiches" neue Horizonte öffnete und einer Monumentalisierung des konservativen Widerstands entgegenwirkte.
- Datum 21.06.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
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