Das Erste führt in seiner neuen Reihe über Die großen Kriminalfälle nicht nur die prominentesten Verbrecher der Vergangenheit, sondern auch die avanciertesten Stilmittel der Gegenwart vor: Was hat sich nicht alles getan in der Ästhetik des Features! Das Zeitzeugen-Interview, einst heikle Pflichtübung, ist heute schon deshalb meist erfreulich, weil es dank der digitalen Schnitttechnik viel kürzer ausfallen kann - man bringt nur noch die Pointe und lässt den umständlichen Vorlauf weg. Und ergänzende Spielszenen, vormals oft peinliche Fehlstarts in Milieus und Atmosphären, sind heute glückliche Veranschaulichungen: Die Überblendungen machen es möglich, auch die neuen Kamera- und Lichttechniken, die die Illusion perfektionieren. So wirkt die Mischung aus Doku und nachgestellten Sequenzen, aus Montagen, Stills und Interviews wie aus einem Guss - ohne dass die Zuschauer getäuscht würden und originales Material mit künstlichem verwechselten.

Dass die Grenzen zwischen einem Dokumentarfilm alter Schule und einem mit Fiktion angereicherten Feature neuen Stils dadurch aber doch ins Schwimmen geraten, ärgert nur Puristen. Der Durchschnittszuschauer nimmt's nicht so genau und hat seine Freude. Er wird auch die Gladow-Bande genießen, einen Film von Ute Bönnen und Gerald Endres, der nichts weniger schafft, als die Berliner Nachkriegszeit aufleben zu lassen: mit Schwarzmarkt, Schiebermützen, Schutt und Zigarettenwährung. Gladow war der Boss einer Gang, die in den Jahren, als niemand was hatte, den Rest umverteilte und dabei die anarchische Situation im Viermächteberlin nach Kräften ausnutzte. Zuerst schoss "Doktorchen", wie Gladow seiner Intelligenz und seines Schulabschlusses wegen genannt wurde, den Bullen nur auf die Beine, aber der erste Tote blieb nicht aus, und danach war'n die Hemmungen flöten. Die Bande wollte Chicago nach Berlin holen, kleidete sich gentlemanlike und zog eine Blutspur durch die Sektoren. Bei der Jugend waren sie schon "kleene Helden" - da griff die Polizei zu. Die Bande flog auf, Doktorchen fuhr ein. "Ein Kerl wie Samt und Seide", nur schade, dass er schoss.

Ein historischer Krimi ist da entstanden, dicht, hart, spannend, authentisch; man schaut, erinnert und wundert sich. Irgendwas kann nicht stimmen an der These von den immer jüngeren Kriminellen. Gladow war 16, als er den Schwarzmarkt aufmischte, mit 18 Bandenchef und bei seiner Hinrichtung immer noch ein Junge.