Denkmal für Bastarde
J.M.G. Le Clézio erzählt von französischen Mauritiusfahrern
Die Romane von Jean Marie Gustave Le Clézio haben etwas beruhigend Verlässliches. Obwohl sie weithin als moderne Abenteuerromane wahrgenommen werden, kennen Le-Clézio-Leser die ungefähre Reiseroute. Gewöhnlich führt sie von der individuellen Entfremdung der Protagonisten hinein in eine "materielle Ekstase" - in eine erlösende Vereinigung mit den Naturgewalten, mit Sonne, Wind und Meer. Abenteuerlich ist dabei nicht die Action, sondern die Poesie der feinen Beschreibung. Zweifelsohne neigt Le Clézio zu Exotismus, dazu, jene kosmische Einheit mit den Naturgewalten bevorzugt in Afrika, Asien oder Lateinamerika zu suchen, wozu ihn nicht zuletzt seine Parteinahme für jene, die durch westliche Gewalt zu Entwurzelten wurden, bewogen haben mag. Er selbst stammt von armen bretonischen Bauern ab, die im 18. Jahrhundert auf der Insel Mauritius ein neues Eden suchten.
Von Mauritius handelt auch sein grandioses neues Buch Ein Ort fernab der Welt. Es erzählt von französischen Auswanderern, die sich zu Beginn des 20.
Jahrhunderts voller Hoffnung auf den Weg dorthin gemacht haben. Wegen einer Seuche an Bord werden die Passagiere jedoch auf die Mauritius vorgelagerte Ile Plate in Quarantäne genommen.
Was zunächst nur Tage dauern soll, wird zu einem schier endlosen Aufenthalt - die britische Verwaltung wartet das Sterben einfach ab. Mit dem Blick auf das nahe, aber unerreichbare Ziel Mauritius verwandeln sich die Fantasien in Fantasmagorien. Unter den Europäern und Indern, die hier leben, reißen die brutalsten Charaktere die Führung an sich, die ethnischen Gruppen werden separiert und belauern sich argwöhnisch. Zudem verhalten sich die Ausgesetzten nicht anders als die rücksichtslose Verwaltung: Zum Sterben bringt man die schweren Fälle auf das unbewohnte Eiland Gabriel.
Die Geschehnisse auf der Insel werden aus der Sicht von Léon geschildert, den sein älterer Bruder Jacques auf diese Reise mitnahm. Die Brüder haben Verwandte in der Oberschicht von Mauritius. Doch der Patriarch steht den beiden skeptisch gegenüber - ihre Mutter war eine "Eurasierin". Auf Ile Plate trifft Léon die Inderin Suryavati. Deren Mutter ist ebenfalls eine "Eurasierin": ein weißes Findelkind, das unter Indern aufwuchs. Die beiden, die von "hier und nirgendwo her" stammen, finden zueinander. Schließlich wird ausgerechnet Gabriel, jener Ort des endgültigen Ausschlusses, zum Schauplatz ihrer Vereinigung: Hier gehen Europäer und Inder im Tod gemeinsam zu Asche, während Léon und Suryavati sich miteinander und mit den Elementen paaren.
Dies ist für Léon der weitestgehende Ausbruch. "Noch nie habe ich mich so frei gefühlt", sagt er. "Ich habe keine Erinnerung, keinen Namen mehr."
Es gibt noch einen weiteren Erzähler in diesem Buch, einen Erzähler der Gegenwart, der dem Autor ähnelt. Er ist Jacques' Enkel und identifiziert sich mit Léon - jenem Überläufer, der aus der offiziellen Erinnerung verschwand.
Léon war der Name von Le Clézios Großvater. Ein Ort fernab der Welt ist ein Bericht von der "anderen Seite" der Geschichte - ein Denkmal für die verschwiegenen Bastarde und Verräter.
J.M.G. Le Clézio: Ein Ort fernab der Welt Aus dem Französischen von Uli Wittmann Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000 576 S., 48,- DM
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 26/2000
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