Die Bombe ist explodiert
Fehlende Arbeitskräfte, überfüllte Waisenhäuser und Friedhöfe. Aids, in Afrika lange verleugnet, ist nicht mehr zu übersehen. Eine Reportage
Reden? Über die Seuche? Auf keinen Fall. Er habe nichts zu sagen. Beim letzten Besuch in Lusaka, ein knappes Jahr ist's her, servierte uns Herbert Maka (Name von der Redaktion geändert) im Haus eines Industriellen Tee. Ein dünner alter Mann in Livree, freundlich, scheu, dienstbar. Von den zwölf Enkeln, für die er und seine Frau seit 1994 sorgten, waren damals noch fünf am Leben. Unterdessen ist Maka nur noch ein Enkel geblieben. Söhne, Töchter, Schwiegerkinder, Kindeskinder - sein Familienzweig ist fast ausgestorben. Ein Fluch, glaubt Maka. Der alte Hausdiener schämt sich, aber er hat keine Worte dafür.
Die Seuche ist unfasslich, rätselhaft. Vermutlich stand in den Todesanzeigen für seine Angehörigen der immer gleiche Satz: An einer Krankheit gestorben. "Das können Sie hier jeden Tag in der Zeitung lesen", sagt Winston Zulu. "Man stirbt an Malaria, Tuberkulose oder Hirnschlag. Aber niemals an Aids. Inzwischen weiß jeder, was das ist, aber keiner spricht offen darüber. Tod und Sexualität sind in unserer Gesellschaft tabu." Zulu, HIV-positiv seit 1990, kennt dieses Schweigen, das gleichermaßen Ausdruck ist von Angst und Abscheu. Es schlug ihm entgegen, als er sich geoutet hatte. Und als seine Organisation "Mit HIV/Aids leben" nach Büroräumen suchte. "Du streckst die Hand aus, und die Leute erstarren. Du läufst mit einem Stigma herum. Gleichzeitig tun alle so, als würde Aids gar nicht existieren." Aber in Sambias Hauptstadt ist es unmöglich geworden, die Epidemie zu verdrängen: 29,5 Prozent haben sich nach offiziellen Statistiken bereits angesteckt. Das bedeutet: Im Alter zwischen 15 und 49 Jahren ist jeder dritte Einwohner in Lusaka HIV-positiv. Landesweit lag der Anteil Ende 1999 bei rund 20 Prozent.
Im Januar dieses Jahres setzte der UN-Sicherheitsrat zum ersten Mal in seiner Geschichte ein Gesundheitsthema auf die Agenda: HIV/Aids in Afrika. Und die CIA entwarf ein Szenario, das so düster ausfiel, als wäre es im Kalten Krieg entstanden. Was früher der Kommunismus war, ist heute Aids: die "größte Bedrohung" für Demokratie, Sicherheit und Stabilität auf dem Erdteil; bis zum Jahr 2010 werde die Seuche das Bruttosozialprodukt Schwarzafrikas um 20 Prozent reduzieren. "Diese Pandemie droht schlimmeren Schaden anzurichten als der Sklavenhandel", glaubt ein Diplomat.
Frühmorgens, auf dem Weg hinaus ins Stadtviertel Mutendere. Wieder ein Tag, an dem die Seuche 5500 Afrikaner dahinraffen wird. Der Taxifahrer kennt unser Ziel, das Mutter-Teresa-Heim. "Dort bringen wir die Leute hin, wenn sie am Ende sind. Vor vier Wochen habe ich meine Schwester abgeliefert. Sie hat zu viel herumgemacht, Sie wissen schon..." In dieser Stadt trifft man niemanden, der nicht mit HIV oder Aids in Berührung gekommen wäre. "Jeden kann es erwischen, sogar die apamwamba ", spöttelt der Chauffeur. Er meint die Reichen und Mächtigen, an deren festungsartigen Villen wir gerade vorbeifahren.
Das Heim zum Sterben. Flache, schmucklose Langhäuser, im Garten purpurne Bougainvilleen, Astern, Gemüserabatten. Am Eingang eine Gipsfigur, die Himmelskönigin im azurblauen Mantel. Bitt für uns ... Aus einem Trakt dringt Rosenkranz-Geleier. Schwester Vincenca öffnet die Tür zum Männerflügel. Der Tod schaut uns aus hundert Gesichtern an. Glasige, stumpfe Blicke, gekrümmte, abgemagerte Körper auf Stahlrohrliegen, schnarrender Husten, Ventilatoren, die durch die medikamentöse Luft quirlen. "Jeden Monat kommen 90 Neuzugänge", rechnet die Nonne vor. "Und jeden Monat sterben 45 bis 50 Menschen."
Aber noch sehen die Gesunden das Leid nicht. Es verbirgt sich in Sterbesälen, Hospizen, Hinterhöfen. Oder in Waisenheimen. Eines liegt an der Burma Street, hinter einem Blechtor, das mit dem Arm einer Plastikpuppe festgeklemmt ist. Fast jeden Tag klopfen Kinder an. Manche haben nach dem Tod ihrer Eltern monatelange Odysseen hinter sich. Zurzeit leben 53 Waisen im Kabwata Orphanage; sie werden von acht Hausfrauen betreut, die ohne Entgelt arbeiten. Sie kochen auf einem alten E-Herd und waschen von Hand. An den Wänden Donald Duck, Bambi, Bilder von kürzlich verschiedenen Kindern. "Wir dachten, wir müssen unbedingt etwas tun", sagt Emily, eine der Mütter. "Es sind so unendlich viele." Man schätzt, dass allein in Lusaka 200000 Aids-Waisen leben. Im ganzen Land sind es nach einer Hochrechnung des US Census Bureau fast 1,7 Millionen Kinder, die einen oder beide Elternteile verloren haben.
Die Bleibe, die Winston Zulus Organisation "Mit HIV/Aids leben" schließlich gefunden hat, besteht aus drei modrigen Räumen im Hinterhof der Heilsarmee. Von hier aus führt eine Hand voll Aktivisten ihren Feldzug gegen Mythen und Stereotypen. "Ein großes Problem sind Unwissenheit und Aberglauben", sagt Clement Mfusi, "vor allem auf dem Lande, wo die meisten Analphabeten leben." 30 Prozent der Sambier glauben, das Virus werde durch Hexerei, den bösen Blick oder Moskitos übertragen. Im Dorf Chiawa, unweit von Lusaka, wollte ein Häuptling alle Verdächtigen, die angeblich per Zauberei Aids verbreiten, durch den Genuss eines giftigen Gebräus überführen. 16 Menschen überlebten das "Gottesurteil" nicht.
- Datum 29.06.2000 - 14:00 Uhr
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