Wie es war im Anfang - so auch am Ende: Zu Beginn der Regierungszeit Helmut Kohls gab es im Kanzleramt ein legendäres "Bermudadreieck", in dem manche Akte, mancher Vorgang auf Nimmerwiedersehen verschwand; und nach dem Ende der Amtszeit von Kohl stehen wir wiederum vor einem sagenhaften "Bermudadreieck", das ganze Aktenberge in sich verschlang. Der Unterschied: Was unter dem ersten Amtschef der Ära Kohl, Staatssekretär Waldemar Schreckenberger, außer Sicht entschwand, fiel offenbar einer gewissen Fahrigkeit zum Opfer - ging also ohne gezielte Absicht verloren. Die Akten hingegen, die später unter dem letzten Amtschef Kohls, dem Kanzleramtsminister Friedrich Bohl, in Wegfall gerieten, wurden offenbar höchst absichtsvoll beseitigt, gereinigt, versteckt und gelöscht. Vom Passiv zum Aktiv: Wenn man so will, war dies ein beachtlicher Zuwachs an Professionalität - allerdings auch an Kriminalität. Jedenfalls fehlen nun in großem Umfang gerade jene Akten, nach denen der parlamentarische Untersuchungsausschuss zur Aufklärung - ja: des Verdachts auf Regierungskriminalität sucht. Honi soit, qui mal y pense - ein Schuft, wer Böses dabei denkt; und an etwas anderes als Zufall.

Als der gegenwärtige Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Frank-Walter Steinmeier, im Februar dieses Jahres eine Art von "Sonderermittler" einsetzte, also einen für deutsche Verhältnisse sehr ungewöhnlichen Weg zur Vermessung des ererbten Bermudadreiecks wählte, ahnte er wohl bereits, vor welchem "Abgrund an Aktenverrat" er stand. Indem Steinmeier mit Burkhard Hirsch eine höchst reputierliche Person aus dem vormaligen Regierungslager mit den Vorermittlungen beauftragte, beugte er auf kluge Weise dem Verdacht vor, es gehe um parteipolitische Aufrechnungskunststücke. Was Burkhard Hirsch in vier Monaten Arbeit und nach der Anhörung von 79 Zeugen zutage gebracht hat, ist atemberaubend und ohne Beispiel in der deutschen Staats- und Regierungspraxis - es sei denn, man scheute sich nicht, die hektische Aktenzerstörung der Stasi-Funktionäre nach dem Fall der Mauer zum Vergleich heranzuziehen.

Nichts als Zufall? Dagegen spricht alles! Zunächst einmal macht Aktenbeseitigung im großen Stil Arbeit - Arbeit, die in Bürokratien nie freiwillig und ohne Anordnung verrichtet wird. Vielleicht Schlamperei? Wo sie herrscht, verschwindet von allem etwas und von nichts alles. Vor allem aber unterscheiden Zufall und Schlamperei nicht zwischen brisanten und langweiligen Akten.

Wer immer in dieser Sache absichtsvoll handelte (oder anordnete), konnte über die Unzulässigkeit seines Handelns nicht den geringsten Zweifel haben. Quod non est in actis, non est in mundo - was nicht in den Akten steht, existiert nicht auf dieser Welt: Dieser Grundsatz ironisiert die blinde Aktengläubigkeit. Umgekehrt gilt in den deutschen Amtsstuben eine völlig unironische Regel: Was immer in Behörden geschieht, muss sich in den Akten lückenlos wiederfinden. Für die Führung von Akten gilt der Grundsatz der Wesentlichkeit und der Vollständigkeit. Im Prinzip muss sich jede Rücksprache, jedes Telefongespräch, jede Anordnung in den Akten widerspiegeln. So schreibt der große Lehrer des deutschen Verwaltungsrechts Hans J. Wolff in seinem Lehrbuch: "Kurzes mündliches, insbes. fernmündliches Vorbringen sowie amtliche Wahrnehmungen und Umstände, die für die Bearbeitung der Sache von Bedeutung sind, ferner mündlich erteilte Belehrungen, Anforderungen und Anordnungen sind, damit sie jedem anderen Sachbearbeiter bekannt werden, in einem Aktenvermerk mit Datum und Namenszeichen (Paraphe) kurz aufzunehmen." In der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien, Allgemeiner Teil dekretiert der Paragraph 32: "Über die aus den Akten nicht ohne weiteres ersichtlichen Besprechungen oder Ferngespräche und über andere Ereignisse und Gesichtspunkte, die die Bearbeitung beeinflussen können, sind Aktenvermerke aufzunehmen. Der Stand einer Sache muss jederzeit aus den Akten vollständig ersichtlich sein."

Um es so deutlich zu sagen wie nötig: Selbst wenn die Vorgänge, über die nun die Akten fehlen, in sich völlig lupenrein abgewickelt worden sein sollten (das zu prüfen ist ja die Aufgabe des Untersuchungsausschusses), so wäre das Verschwinden, Verstecken und Verfälschen des Aktenbestandes für sich genommen ein selbstständiger Verstoß ungeheuerlichen Ausmaßes, der allein schon mehr als einen Untersuchungsausschuss rechtfertigen würde. Der gesunde Menschenverstand hingegen kann nicht anders, als beide Skandale in einem engen Zusammenhang zu sehen. Denn von nichts kommt nichts - und von nichts verschwindet nichts.

Entlastungsgründe? Friedrich Bohl, Kohls letzter Hausmeier, behauptet, nach der Wahl 1998 seien nur "Vermerke und politische Konzepte" gelöscht worden. Abgesehen davon, dass Vermerke - siehe oben - in den eisernen Aktenbestand gehören: Sollte damit gemeint sein, es habe sich nur um parteipolitische, sozusagen unionsinterne Materialien gehandelt, dann wäre das ein weiterer Skandal: Seit wann haben Beamte des Kanzleramtes parteipolitische Hand- und Spanndienste im Umfang von drei Gigabyte (entsprechend 1,2 Millionen Blatt Papier) anzufertigen, die das Auge der nachfolgenden Regierung - und der späteren Forscher im Bundesarchiv zu scheuen hätten?

Und die Verantwortung? "Wie der Herr, so das Gescherr", sagt der Volksmund. Hier gilt eindeutig: Wie das Gescherr, so der Herr. Die Verantwortung liegt bei niemand anderem als beim Kanzler und seinem Stallmeister. Friedrich Bohl, so lesen wir nun, ist empört darüber, dass Hirschs Ermittlungsfunde der Öffentlichkeit bekannt wurden. Wir haben verstanden: Zu dumm, dass Bohl diesen Bericht nicht auch noch vernichten lassen konnte.