Wasser auf die Nasa-Mühle
Eine Sonde findet junge Erosionsspuren auf dem Mars. Was floss dort wohl?
Diese Pressekonferenz macht Spaß!", rief Ed Weiler vergnügt, "ganz im Gegensatz zu einigen anderen in letzter Zeit." Die gute Laune des Forschungschefs der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa ist verständlich. Nach dem peinlichen Verlust zweier Marssonden im letzten Herbst konnte die Nasa am vergangenen Donnerstag endlich wieder einmal eine Sensation verkünden: Fotos der Sonde Mars Global Surveyor deuten darauf hin, dass auf dem Roten Planeten gelegentlich flüssiges Wasser sprudelt. Eine Entdeckung, die Weiler prompt zu der Deutung hinriss, dies hätte "profunde Implikationen für die Aussicht auf Leben auf dem Mars".
Mit der Verheißung außerirdischen Lebens - dem l-word , wie Nasa-Kritiker bereits spotten - waren Weiler und sein Amtsvorgänger schon immer gern vor die Presse getreten, oft in auffälliger zeitlicher Nähe zu Diskussionen im US-Kongress über das Nasa-Budget. 1996 wurden fossile Bakterienspuren auf einem Marsmeteoriten als breaking news präsentiert, 1998 die erste direkte Beobachtung eines Planeten außerhalb des Sonnensystems vermeldet. Beide Male erwiesen sich die gefeierten Sensationen später als zweifelhaft oder unhaltbar.
"Kürzlich" ist für Geologen ein dehnbarer Begriff. Ob das Wasser vor einigen Monaten oder vor ein paar Millionen Jahren floss, ist in diesem Fall relativ unwichtig. Entscheidend ist, dass dies erst geschah, nachdem der Mars seine dichte Atmosphäre schon lange verloren hatte - und damit auch all seine Flüsse und seinen eventuell vorhandenen Ozean.
Jahrmilliarden alte Spuren dieser Gewässer wurden schon an vielen Stellen des Roten Planeten gesichtet. Doch nur ein Bruchteil ihres Wassers findet sich heute in den Eiskappen der Marspole. Wohin das restliche Nass entschwunden ist, darüber streiten die Experten. Manche halten es für möglich, dass nicht alles in den Weltraum entfleuchte, sondern zum Teil noch heute unter dem staubtrockenen Marsboden schlummert. Die Entdeckung von Malin und Edgett scheint genau dies zu beweisen - vorausgesetzt, hier war wirklich Wasser im Spiel.
Doch die hohe Bildauflösung und die spezifische Form der Marsstrukturen lassen Fachleuten wenig Spielraum für Zweifel. "Ohne Wasser, etwa durch die Einwirkung von Wind oder Lava, ist das sehr schwer zu erklären", meint der Planetengeologe Ralf Jaumann vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt. Die Strukturen sehen genauso aus, wie wenn auf der Erde wasserführende Schichten auf Geländeabbrüche treffen. Das Wasser tritt in breiter Front aus, bahnt sich V-förmige Abflussrinnen und spült Geröll talwärts, das sich fächerförmig ablagert. Oberhalb der Austrittsstelle bricht die Deckschicht nach und bildet charakteristische Nischen. All diese Merkmale finden sich auf zirka 150 der über 20 000 untersuchten Satellitenaufnahmen. Ungeklärt ist freilich, wie Wasser unter den heutigen Bedingungen auf dem Mars - bei nur wenigen Millibar Druck und durchschnittlich minus 50 Grad Celsius Kälte - lange genug flüssig bleiben könnte, um Spuren zu hinterlassen. Eine mögliche Erklärung: Das Marswasser könnte eine schlammige Brühe aus Wasser und Staub sein, über deren physikalisches Verhalten man wenig weiß. Eventuell bleibt sie bei geringem atmosphärischen Druck eine Zeit lang flüssig. Und möglicherweise fühlt sich darin, 100 bis 500 Meter unter der Oberfläche, auch jene Mikrofauna wohl, die nun Ed Weilers Fantasie beschäftigt.
Profunde Implikationen hat das allerdings erst einmal vor allem für die Nasa selbst: Im Juli muss die Raumfahrtbehörde entscheiden, wie sie ihr ins Schlingern geratenes Marsprogramm im Jahr 2003 fortsetzt. Da fällt es schwer, nicht an eine gezielte Lancierung der werbewirksamen Marsfotos zu glauben. Denn die neu entdeckten Formationen wurden umgehend als Ziel für eine neue Landemission gehandelt. Damit würde die Nasa auch den Europäern ein Schnippchen schlagen: Deren für 2003 geplante Mission Mars Express kann nämlich die hohen Breiten, in denen sich die "nassen" Flecken befinden, nicht anfliegen.
- Datum 29.06.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
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