Die Thesen gegen den Okkultismus , die Theodor W. Adorno 1946/47 noch im amerikanischen Exil niederschrieb, sind vernichtend: "Die Neigung zum Okkultismus ist ein Symptom der Rückbildung des Bewußtseins ... Wenn die objektive Realität den Lebendigen taub erscheint wie nie zuvor, so suchen sie ihr mit Abrakadabra Sinn zu entlocken. Wahllos wird er dem nächsten Schlechten zugemutet: die Vernünftigkeit des Wirklichen, mit der es nicht recht mehr stimmt, durch hüpfende Tische und die Strahlen von Erdhaufen ersetzt." Und dann das Todesurteil: "Okkultimus ist die Metaphysik der dummen Kerle ... Der faule Zauber ist nicht anders als die faule Existenz, die er bestrahlt."

Den "dummen Kerlen" muss man heute nur die esoterisch vorherrschende weibliche Fraktion hinzufügen, und schon scheint Adornos antiesoterisches Manifest wieder ins buchstäblich Schwarze zu treffen. Telekinese, Geisterseherei, Pendelschwingerei, Numerologie, Alchemie, Tarot, Steinheilerei, Astrologie, Handlesen, Ufologie, Wahrsagerei, Schamanismus, Satanismus, Mondsucht, kollektives Urintrinken, Turbotibetanismus - jede esoterische Mustermesse zwischen Amulett-Prophylaxe und Aromatherapie zeigt es: kein Quatsch, der nicht geglaubt würde. Kein Geschäft, das zu durchsichtig wäre. Kein Guru, der nicht seine Klientel fände. Kein Jünger, dem es zu dumm würde. Und keine Hoffnung, die nicht verhöhnt würde.

Dass man Adornos Thesen , 50 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen in den Minima Moralia , umstandslos reaktualisieren kann, zeigt auch, dass gegen die Esoterik kein Kraut gewachsen ist, ein intellektuelles wie das von Adorno schon gar nicht. Der Eso-Boom läuft und läuft. Gerade schwappt uns eine neue Lawine hochglanzkaschierter Prospekte, die auf der Eso-Wave verlegerisch surfen, ins Haus. Auch einstmals solideste Verlage geben sich inzwischen divinatorisch. Fast scheint es, als könne nur noch die Esoterik den drohenden Tod des Buches aufhalten. Womit freilich nicht viel gewonnen wäre.

Immerhin mehren sich neuerdings die Gegenstimmen. Nicht nur bei den konkurrenzbedrohten Altreligionen, die ihre Sektenbeauftragten in den Kampf um die religiösen Marktanteile schicken und frohgemut erklären, dass Esoterik und Religion, Aberglaube und Glaube, Gurus und Erlöser, Sekten und Kirchen nicht das Geringste miteinander zu tun hätten. Hier und da meldet sich auch die leise, aber hartnäckige Stimme der Vernunft wieder zu Wort. Es wäre ja gelacht, wenn nach drei Jahrhunderten europäischer Aufklärung nur die Esoterik als Abhub der Religionen, Parodie der diskreditierten Wissenschaft und rationelle Verkaufsstrategie des Irrationalen übrig geblieben sein sollte.

Mit dem Entwicklungsvorsprung, den die amerikanische Szene seit je in Sachen Esoterik und folgerichtig auch der Antiesoterik hat, ist Melanie McGrath bereits 1995 auf ihrer "spirituellen Odyssee" durch die amerikanische Wüste ins Motel Nirvana gereist (deutsch 1999 unter dem Titel Instant Karma , ZEIT Nr. 38/99). Jetzt präsentiert Marcus Hammerschmitt in seinem titelähnlichen Buch Instant Nirwana. Das Geschäft mit der Suche nach dem Sinn seine fulminanten Esoterik-Verrisse. Ihm geht es um kritische Esoterik-Theorie, mehr: um eine Exekution.

Hammerschmitt bezieht sich selbst, nicht eben schüchtern, auf Adornos antiokkultistische Thesen. Etwaige Unterschiede zwischen Okkultismus, Spiritismus und Esoterik, wir dürfen übersetzen: der Neigung zum Dunklen, zu den Geistern und den geheimen Innenansichten von der Nachtseite der Natur- und Geisterwissenschaft, erklärt er für vernachlässigbar. Auch in der aphoristisch pointierten Form seiner Texte ist Hammerschmitt von Adorno inspiriert: Die Blitze der Aufklärung sollen das Dunkel zugleich erhellen und vernichten. Und man darf öfters frohlocken. So sarkastisch-treffend, so gallig-hohnvoll haben wir die Esoterik vorher eben nur bei Adorno abgefeiert gesehen, vor allem zu Anfang des Buches, in der Mischung von Analysen, die Diagnosen sind, mit signifikanten Fallbeschreibungen. Später verpufft das erste Furioso etwas. Exekutionen darf man nicht mit langem Atem veranstalten.

Mit Adorno teilt das Buch aber auch einen Grundmangel der antiesoterischen Aufklärung, von dem Hammerschmitt weiß, ohne ihn beheben zu wollen. Sie kann ihre Antipoden, die sie doch auch gewinnen müsste, wenn sie der Geisterkrankheit abhelfen wollte, nicht erreichen. Sie ist intellektuell und kritisch, wo nichts weniger als kritische Intellektualität maßstäblich ist. Vor allem: Sie spricht von außen, und zwar um so unnachsichtiger, als der kritische Kritiker selber einmal innen war: Hammerschmitt outet sich als Ex-Tarot-Gläubiger. Aus der Psychologie des Renegaten.