Schule der Exzellenz
Im amerikanischen Wahlkampf ist die Krise des staatlichen Bildungswesens ein Erregungsthema
Washington
Zuerst das Lob. "Ihr kommt regelmäßig zur Schule. Das zeigt großes Engagement. Hochachtung." William Andrekopoulos, Leiter der Fritschen Mittelschule, blickt in die gespannten Gesichter der Zwölfjährigen. Dann fragt er: "Wer will künftig stolz auf sich sein, wer will seine Eltern stolz machen und zur High School gehen?" Alle Schüler zeigen auf, bis auf einen.
Den schickt er aus dem Raum, zum Rest sagt er: "Eure Noten sind zu schlecht.
Für die High School müsst ihr besser werden. Deshalb werden wir heute überlegen, wie wir das schaffen können." Der kleine, schnauzbärtige Mann schaut die 50 Jungen und Mädchen einen Augenblick lang schweigend an, dann sagt er: "Wir werden nun aufschreiben, was euch in diesem Jahr in der Schule schwer fällt." Spontan zeigen die ersten Schüler auf: Zu viele Hausaufgaben, unverständliche Erklärungen - am Ende der Stunde ist die Liste lang, doch es stehen auch Lösungsvorschläge darauf. Gemeinsam beschließt die Gruppe: Die Schule wird mehr Nachhilfe anbieten. Zudem bekommt jeder zur Hilfe einen besseren Schüler an die Seite. "Gute Idee", sagt ein kleines lateinamerikanisches Mädchen: Es sei schließlich eine "Frage der Ehre", die Fritsche Mittelschule zu schaffen.
Den Einsatz dieser Schule schätzt nur, wer um die amerikanische Bildungsmisere weiß: Obwohl Amerika viel mehr Geld für sein Bildungssystem ausgibt als etwa Deutschland, sind die Erfolge zwiespältig. Je ärmer die Eltern und je schlechter die Wohngegend, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Kinder auf eine miserable öffentliche Schule gehen und dort höchstens einen mäßigen Schulabschluss schaffen. Die meisten Viertklässler aus armen Gegenden können nicht einmal ein Kinderbuch lesen, die meisten Achtklässler kein arithmetisches Problem lösen. Amerikas Traum von der Chancengleichheit endet für viele bereits, bevor sie das Wort buchstabieren können müssten. Neu ist das nicht. Neuerdings aber sind weniger Eltern bereit, es einfach hinzunehmen. Sie haben die traurige Realität an den Schulen und die ungleichen Bildungsmöglichkeiten zu einem wichtigen Thema des diesjährigen Wahlkampfes gemacht. Kein Politiker kommt daran vorbei: Die beiden Präsidentschaftskandidaten überbieten sich inzwischen gar mit neuen Bildungsoffensiven. Die große Linie: Vizepräsident Al Gore und die Demokraten wollen vor allem mehr Geld in das existierende System stecken. George W. Bush und die Republikaner propagieren Privatisierung und mehr Entscheidungsspielraum für Bundesstaaten, Gemeinden und Eltern - und haben mit diesen Ideen zum ersten Mal mit einem traditionell eher von Demokraten besetzten Thema Punkte bei den Wählern gemacht.
Während die Politiker noch debattieren, wird in den Schuldistrikten schon gehandelt: Reformen werden mittlerweile an vielen Orten probiert - zum Beispiel in Wisconsin. Die Fritsche Mittelschule von Schulleiter William Andrekopoulos ist ein Produkt dieser Experimentierfreude. Fritsche ist eine so genannte Charter School, eine staatliche Schule unter privater Aufsicht.
Sie wird öffentlich finanziert und kostet damit keine Schulgebühren, dennoch ist sie von vielen staatlichen Regulierungen entbunden. Statt der Aufsichtsbehörden bestimmen die Eltern über den Schulalltag. Sie entscheiden, wofür die Schule ihr Geld ausgibt und welche Lehrer eingestellt oder entlassen werden. "Wir können viel leichter als andere Schulen neue Lehrmethoden ausprobieren und auch unser Budget flexibel einsetzen - beispielsweise für Nachhilfeunterricht statt für neue Mathematikbücher", sagt Sue Saller, die Stundenpläne, Fortbildungsmaßnahmen und Prüfungen koordiniert. Wichtig ist nur das Ergebnis: Möglichst viele Schüler sollen die staatlichen Tests bestehen und damit die Chance auf eine weitere Ausbildung bekommen - eine logische Konsequenz der direkten Kontrolle durch die Nutzer.
Wo statt der Aufsichtsbehörden oder der Lehrergewerkschaften die Eltern den Ton angeben, setzt allein der Erfolg der Kinder den Maßstab. Und bisher schneiden Fritsche-Absolventen tatsächlich besser ab als der Durchschnitt - obwohl sich die Schule ihre Schüler nicht aussuchen kann, die Mehrzahl kommt aus der armen Umgebung.
Wisconsin wagt noch weitere Experimente. Seit zwei Jahren dürfen sich dort arme Eltern, die ihre Kinder bisher nur auf öffentliche Schulen schicken konnten, auch für Privatschulen entscheiden. Die Familien müssen den Behörden nur ihre Bedürftigkeit nachweisen, dann bekommen sie einen Gutschein, der an Privatschulen eingelöst werden kann. Der Staat bezahlt die Gebühren. Diese Reformen sind umstritten, jahrelang haben die Gegner - unter anderem die Lehrergewerkschaften und die NAACP, die größte und traditionell linke Interessenvertretung der Schwarzen - erbitterten Widerstand dagegen geleistet. Der Protest trieb sie bis zum Obersten Gericht der USA. Das stimmte ihnen allerdings nicht zu. Das Argument: Das System der Gutscheingegner bedeute den Todesstoß für das öffentliche Schulwesen. Die Privatisierung öffne dubiosen Lehrmethoden Tür und Tor. Da Privatschulen in der Regel nur die besten Schüler akzeptierten, blieben in den öffentlichen Schulen die Verlierer hängen.
"Quatsch", sagt Howard Fuller, der ehemalige Chef der öffentlichen Schulen in Milwaukee, zu solchen Argumenten. Eine homogene Erziehung gebe es in den USA schon lange nicht mehr. Und zudem könne man schließlich durch verbindliche Tests und Quoten auch bei Privatschulen für Qualität und Vielfalt sorgen.
"Warum sollen arme Kinder nicht die gleiche Auswahl bekommen wie Reiche?", fragt Fuller, der vom Fan des öffentlichen Schulsystems zum Anhänger der Vielfalt mutiert ist und daraufhin seinen früheren Job für den Lehrstuhl einer Universität verlassen hat.
Öffentliche Schulen werden zum Auffangbecken für die Schwächsten
Fuller steht mit solchen Ansichten nicht allein. In Wisconsin kämpft eine schwarze Bürgerrechtsbewegung seit Jahren für ähnliche Positionen. Schon seit den siebziger Jahren schwindet dort nämlich der Glaube an das öffentliche Schulsystem: Damals hatten die Politiker versprochen, das Bildungsproblem per busing zu lösen. In vielen Gemeinden karrten sie schwarze Kinder aus armen Gegenden per Bus in die guten Schulen der reichen weißen Viertel - in der Hoffnung, so die Rassenintegration zu fördern. Doch die reichere weiße Mittelschicht wehrte sich schnell: Viele Eltern schickten ihre Kinder fortan auf private Schulen. Vizepräsident Al Gore machte da keine Ausnahme. Viele öffentliche Schulen aber degenerierten damit zum Auffangbecken für die Schwächsten. So geschah es auch im Zentrum von Milwaukee.
"Wir bieten den armen Kindern dieser Gegend die einzige Chance, eine gute Ausbildung zu bekommen", sagt Bruder Bob Smith. Der schwarze Kapuzinermönch leitet die Messmer High School in Milwaukee, eine private Schule für mehrheitlich arme Kinder. Smith ist die ideologischen Streitigkeiten über private versus öffentliche Erziehung längst leid. Er plädiert für die typisch amerikanische Lösung: Pragmatismus und Vielfältigkeit. "Einfach anschauen, was funktioniert." Der Neubau seiner Schule liegt in einem der gewalttätigsten Viertel von Milwaukee, gegenüber vom Schulgebäude werden Obdachlose verarztet, daneben brausen Autos über einen Highway. "Schule der Exzellenz" steht auf einer Fahne, die vor dem Eingang weht. Die Schultüren sind verschlossen, sie öffnen sich dem Besucher erst nach dem Blick in die Überwachungskamera.
Smith hat die Schule vor 15 Jahren vor dem Untergang gerettet. Das Erzbistum wollte die hoch verschuldete Institution nicht weiter fördern. Mit Unterstützung vieler Eltern ging der Mönch Klinken putzen, trieb private Spenden auf und verwandelte Messmer in eine der erfolgreichsten Ausbildungsstätten der Stadt. Obwohl er weniger zahlt als die staatliche Konkurrenz, warten Lehrer auf eine Stelle an dieser Schule. Auch Schüler bewerben sich weit mehr, als Plätze vorhanden sind. Die Hälfte der Kinder kommt inzwischen aus verarmten Familien, seit kurzem zahlt der Bundesstaat ihre Gebühren. "Wir beweisen hier täglich, dass Armut kein Grund für Schulversagen ist", sagt Bruder Smith. Fast alle seine Schüler beenden ihre Ausbildung, 80 Prozent gehen später aufs College. Von der nahe gelegenen öffentlichen Schule schafft nur ein Viertel diesen Sprung, und über die Hälfte geht ohne Abschluss ab. Wie ist das zu schaffen? Bruder Smith lächelt, sagt Worte wie "Arbeitsethos" und "hohe Standards" und fügt dann hinzu: "Schauen Sie sich doch um."
Vor dem Büro des Direktors wartet ein Junge in Shorts, in der Hand hält er einen Zettel, der ihn ins Sekretariat beordert. "Ein Verstoß gegen die Kleidervorschriften", erklärt sein Mitschüler Jordan Acevedo und findet es auch ganz richtig, dass Shorts an der Messmer High School nur an besonderen Tagen erlaubt sind: "An der öffentlichen Schule, an der ich vorher war, hätte das niemanden interessiert. Da hat sowieso niemanden etwas interessiert. Da war alles so verwahrlost." Lang vergessene Sekundärtugenden werden an vielen privaten Schulen wieder hochgehalten: Pünktlichkeit, Höflichkeit, ordentliches Aussehen. Erst ein ruhiger Korridor ermöglicht das Lernen in den Klassenzimmern. Der Schüler, der das Streiten mit Worten gelernt hat, muss nicht zur Waffe greifen. Und wer die Kluft der Straßengangs gegen eine saubere Hose tauscht, verzichtet möglicherweise auf dem Schulhof auch auf andere brutale Riten.
"Hier spricht man Englisch" steht über der Tafel eines Klassenzimmers, und das richtet sich nicht etwa gegen die Immigranten, vielmehr ist der Slang des Ghettos verpönt. "Wir wollen, dass diese Jungen und Mädchen auf dem Arbeitsmarkt eine Chance haben", erklärt Bruder Smith. Diese Chance eröffne sich aber nur demjenigen, der einen gewissen Wortschatz beherrsche und Regeln beachte. Doch den Schulleiter treibt nicht nur die mögliche Marktfähigkeit seiner Absolventen. Er will der Welt beweisen, dass man auch aus armen Kindern, die im Ghetto wohnen, verantwortungsvolle Bürger machen kann. "Dabei hat das staatliche Schulsystem in den letzten Jahrzehnten versagt", sagt Smith.
Wenig später, in einer anderen Nachbarschaft, weiht John Norquist, der Bürgermeister von Milwaukee, den begrünten Innenhof einer öffentlichen Schule ein. Und dann sagt er:" Wettbewerb ist immer gut, er wird letztlich auch die öffentlichen Schulen verbessern. Die haben nämlich auf einmal Angst um ihre Zukunft." Der populäre Politiker weiß, dass er mit solchen Sätzen gegen die Linie seiner demokratischen Partei verstößt. Und dennoch ist er sicher, dass seine Stadt den richtigen Weg geht: "Die freie Wahl der Schule ist ein Schritt hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit."
- Datum 06.07.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28/2000
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