Radsportler sterben gesund

Ex-Profi Karl-Heinz Kunde und seine Freunde starten jeden Sonntag an der Schmitze Bud in Köln-Rath. Ihr Hobby: Knüppeln, Charakter zeigen und dabei an die Tour de France denken

* Fußnote

Sonntagmorgen 9.30 Uhr an der Schmitze Bud in Köln-Rath. Einer sagt: »So jetzt« - dann sind sie weg. Aber wie. Von Einrollen keine Spur. Erst geht's in den Königsforst und dann weiter ins Bergische Land, immer rauf und runter, also genau das Richtige für Karl-Heinz Kunde, Kampfname »Bergfloh«. Im Sommer 1966 war er vier Tage lang Spitzenreiter der Tour de France.

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Alle sind freiwillig hier, und doch, es gibt auch diesen Zwang: Sie können nicht anders. Es sind Angefressene, Sportsüchtige, Radverliebte, die einmal ein gemeinsames Ziel hatten: die Tour de France zu gewinnen. Ihre Hoffnungen sind längst begraben, aber ihre Träume leben weiter, zum Beispiel an der Schmitze Bud. Eine legendäre Radsportadresse. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg trafen sich hier Woche für Woche bekannte und unbekannte Sportler. Alle Trainingsrunden begannen traditionsgemäß an der Bud, und so ist es auch heute noch. Eine Art Vereinslokal im Freien, ohne Satzung, aber mit festen Mitgliedern und der leidenschaftlichen Verpflichtung zu regelmäßiger Präsenz.

Versteckt zwischen Zeitungen und Coladosen, geben vier Schwarz-weiß-Fotos beiläufig Auskunft darüber, dass der Kiosk an die 100 Jahre alt ist. Wohl der älteste in Deutschland. Und noch immer sieben Tage in der Woche geöffnet, außer am 1. Weihnachtstag. Die Vorbesitzer leben auf Teneriffa und haben an Frau Wimmer verkauft, eine resolute, kompakte Dame Ende 50, die gerade über eine eigene Website im Internet nachdenkt. »Früher«, erzählt sie, »bin ich schon mal mit der Trillerpfeife raus und hab das Startzeichen gegeben. Damals holten die Frauen ihre Männer hinterher ab. Das gibt's heute alles nicht mehr.«

Keine Frage, einige die da unterwegs sind, haben Schwierigkeiten, aber ankommen werden sie, ganz sicher. Wie sie sich über die Lenker beugen und in die Kurven gehen! Wie sie einander ablösen, wie der führende Fahrer sich zurückfallen lässt und der folgende beschleunigt: das hat was. Eher mehr als weniger ist ihr Motto. Der Hang zur Selbstquälerei steckt tief drin, ordentlich knüppeln, Charakter zeigen. Anfangs fahren sie noch nebeneinander, mal mit diesem, mal mit jenem, und quatschen munter drauflos. »Wie war's im Urlaub?« - »Gut, über 5000.« - »Und bei dir?« - »Ging so, knapp unter 4000.« Gefahrene Kilometer natürlich, was sonst? Kaum einer, der sich ohne einen Festschalenkoffer fürs Rad in den Ferienflieger setzt. Aber dann, in der zweiten Stunde, wird's ruhiger, sie werden immer einsilbiger, in der dritten hat dann kaum einer mehr Luft zum Antworten.

Absteigen und pinkeln - das soll provozieren

Mal ist die Gruppe 30 Mann stark, mal 80, je nach Wetter und Saison. Im Winter sind's mehr, dann finden keine Wettkämpfe statt. »Vorn mitfahren ist zwar besser als hinterherfahren, aber selbst das ist noch besser als überhaupt nicht mehr fahren«, sagt Rolf Schönenberg, Versicherungskaufmann, 61 Jahr alt. An diesem Tag tritt Schönenberg im blauen Trikot des Mapei-Rennstalls an: »eine belgische Baustoffirma, die hat über 40 Profis«. Genauso gut hätte er auch in seinem Patani-Outfit erscheinen können, Hauptsache, Trikot und Rad sind Ton in Ton. Die Rennfahrerei macht Spaß und hält fit, meint er. Radsportler, jeder Arzt kann das bestätigen, sterben gesund.

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