Literatur, wird behauptet, sei ein Mittel der Völkerverständigung. Und das ist gewiss so, wenn man darunter das Lesen von Büchern versteht: in der Intimität des eigenen Hirns und Polstersessels die Erfahrung und die Wahrnehmung eines fremden, vielleicht exotischen Menschen zu teilen. Das hat natürlich keinen Ereignischarakter. Und da Völkerverständigung ein politisches Anliegen ist, bedarf sie des Spektakels. So wurde aus dem Transportieren von Gedanken mittels Sprache das Hin- und Hertransportieren von Dichtern mittels Fahrzeugen. Im internationalen Maßstab. Schiffe mit Dichtern ("Poetendampfer") befahren in völkerverbindender Absicht und schwimmender Metaphorik seit Jahren die Oder.

Die bislang größte Reise- und Verständigungsmetapher, die je aus der Literatur in die Realität geriet, ist der Literaturexpress Europa 2000. Mit großem organisatorischen und finanziellen Aufwand reisen seit Anfang Juni über 100 Autoren aus 43 europäischen Ländern per Eisenbahn durch Europa. Von Lissabon via Madrid, Paris, Brüssel, Hannover, Malbork (ersatzweise für Gdansk), Kaliningrad, über das Baltikum nach Sankt Petersburg. Dies entspricht ungefähr der Route, die ein um die Jahrhundertwende geplanter Nord-Süd-Express hätte befahren sollen. Die durchgehende Strecke kam aber nie zustande.

Das Projekt Literaturexpress wurde ja in Berlin ausgebrütet, und da ist es verständlich, wenn die Berliner das große Abschlussfest unbedingt zu Hause feiern wollen. Und aufgeladen mit europäischer Bedeutung ist die viel beschworene Schnittstelle zwischen Ost und West sowieso: Schauplatz der Teilung, mit neuen Hochhäusern zu einer Metropole zusammengenäht. Auf dem Potsdamer Platz wird auch die finale Megalesung stattfinden (am 15. Juli), und damit soll die europäisch-literarische Verständigungsgeste enden, in einem Gewimmel von Bedeutungen, in dem zur Not alles als Metapher durchgeht.

Aber der Literaturexpress ist auch ein Faktum, das einige Tonnen wiegt. Er legt soundso viele Schienenkilometer auf 3 Spurweiten zurück, hält an 19 Stationen in 11 Ländern und durchmisst 3 Zeitzonen in 44 Tagen.

19 Haltestationen, das heißt für die Reisenden: 19-mal großer Bahnhof, 19 Hotels, 19 Empfänge im Rathaus, 19 Stadtpläne. 19-mal die Idee von Europa, we are glad to welcome you here und vielen Dank auch an die nationale Eisenbahngesellschaft. Hunderte von Kamerateams.

Nur wenige Menschen in den Städten an der Route kennen die Autoren auf dem Zug. Die großen, europaweit bekannten Namen stehen nicht auf der Passagierliste. Am bekanntesten, rein numerisch, ist der Aserbajdschaner Tschingis Abdullajew: Seine Thriller haben Millionenauflage, auf Russisch. Die Zugbegleiterinnen lassen sich von ihm Bücher signieren. Aber von Portugal bis Malbork war er so wenig berühmt wie der Rätoromane Leo Tuor, dessen gesamtes Sprachgebiet keine 50 000 Seelen zählt.

"Sie sehen uns nur als einen bunten Haufen. Den Einzelnen nimmt keiner wahr", ist eine gängige Klage der Reisenden. "Es ist eine Lektion in Bescheidenheit", findet Dubravka Ugresic, Kroatin aus Amsterdam, die in der deutschen Delegation mitreist. "Jeder Autor hält sich für einmalig, für großartig, insgeheim für besser als die anderen. Aber 100 solcher Persönlichkeiten in einem Zug, das relativiert sehr die eigene Bedeutung."