Ich habe es satt, von den Leuten wie ein Leprakranker angestarrt zu werden", sagt Victor Valenciano. Der 36-Jährige, der in einem Café in Havanna arbeitet, leidet unter Vitiligo, einer Pigmentstörung, bei der die Haut ihre Farbe verliert. Um den Mund und die Augen ist das Braun schon weg, auch Valencianos Hände und Unterarme sind schneeweiß. Aus der ganzen Welt kommen Menschen nach Kuba, um sich gegen diese Entstellung mit dem Plazentaextrakt Melagenina behandeln zu lassen. Victor schwört auf die Wirkung des Mittels, doch seit fünf Monaten fehlt das Medikament in seiner Bezirksapotheke. Denn zunächst kommen die Gesundheitstouristen zum Zug, sie können sich so viele der 27 Dollar teuren Flaschen leisten, wie sie benötigen. Nur wenn etwas übrig bleibt, wird auch die Apotheke für Einheimische beliefert. Dort kostet Melagenina dann nur 5,30 Peso - rund 50 Pfennig.

Die Zweiklassenwirtschaft hat auf Kuba inzwischen auch das erfasst, worauf die Kubaner zu Recht immer stolz waren - ihr Gesundheitssystem. Während Einheimische auf Tabletten gegen Bluthochdruck bis zum Nahtmaterial im Operationssaal warten müssen, sind Ausländer Patienten erster Klasse. Denn das Geschäft mit den Kranken läuft gut und bringt Devisen ins Land.

Wellness-Kuren, Schönheitschirurgie zu günstigen Preisen und die neurologische Rehabilitation nach Unfall oder Schlaganfall - das alles gehört zum staatlichen Gesundheitsprogramm Turismo y Salud. Dessen Direktor Rolando Rey hofft, die Zahl ausländischer Kranker schon bald von derzeit 4000 auf 10 000 pro Jahr erhöhen zu können. "Wir bieten Spitzenqualität zu wettbewerbsfähigen Preisen", wirbt er.

Die Nobelkrankenhäuser sind - wie die Strandhotels - für Kubaner tabu

In einem Vorort von Havanna liegt das Krankenhotel La Pradera. Nur finanzkräftige Patienten können es sich leisten, dort abzusteigen. Eine 14-tägige Kur gegen Stress oder das Altern kostet zwischen 2000 und 3000 US-Dollar. Zum Vergleich: Barkeeper Valenciano verdient etwa 15 Dollar pro Monat. "Wir verkaufen hier Lebensqualität, und das hat seinen Preis", sagt Santiago Miranda Castro, der Dienst habende Arzt. Doch das Geschäft muss noch belebt werden - das Krankenhotel im Stile eines amerikanischen Shopping Centers wirkt ausgestorben. Obwohl die Sonne scheint, befindet sich kein einziger Gast am riesigen Swimmingpool, und in der Lobby betrachten nur Fische im Aquarium und Vögel im Käfig die Renoir-Imitationen an der Wand.

Angesichts der leeren Zimmer freut sich die PR-Dame über prominente Patienten wie den argentinischen Fußballstar Diego Maradona, der sich hier wegen seiner Drogenexzesse aufhielt. Meist kommt die Kundschaft aus Südamerika - Europäer sind in La Pradera noch selten.

Kubaner kommen nicht in die Verlegenheit, sich in der Touristenkrankenanstalt behandeln zu lassen. Selbst wenn sie genügend Dollars hätten oder von einem Ausländer eingeladen würden, die Devisen-Einspielhäuser sind für sie generell tabu. Dieses Verbot gilt auch in den Strandhotels - wohl um Prostitution zu verhindern.