Aus deutscher Nacht

Flößerfest in Eberswalde, Grillparty unter Reichsflagge in Gardelegen, Friedhofsruhe in Delitzsch. Protokoll eines ganz normalen Wochenendes im Osten, an dem fast nichts passiert und die rechte Gewalt doch allgegenwärtig ist

17.00 Uhr Bad Blankenburg: An diesem Wochenende wird Ovidio Almonacid denen, die ihn töten wollen, wieder begegnen. Als er - den aufgedrehten Mischling Pepe an der Leine - die Straße der deutschen Einheit Richtung Park geht, fahren zwei Autos an ihm vorbei und biegen ab zur extra-Kaufhalle. Sofort taxiert Ovidio die Nummernschilder, sein Kopf dreht sich schnell. Nein, dies sind normale Bürger aus der Wohnsiedlung.

Jetzt kommt ein dunkler Caravan heran. Ovidios Blick streift nur das Kennzeichen: "Komm Pepe", sagt er, und beide gehen schneller. Aus dem Caravan steigen eine Frau, deren Kopf bis auf zwei herabhängende Haarsträhnen kurz rasiert ist, und ein junger, hagerer, stoppelhaariger Mann, seine Jeans sind mit Domestos gewaschen und weiß-blau gefleckt. Der Kurzgeschorene wohnt hier im Hochhaus, das an Pepes Gassistrecke liegt. Er sieht Ovidio und winkt ihm demonstrativ zu. Die beiden kennen sich gut, ihre Lebenswege sind inzwischen eng verknüpft.

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Ovidio sächselt unüberhörbar. Er ist Deutscher und kam vor vier Jahren aus Jena. Er gilt als einer der wenigen Ausländer hier. Vergangenes Jahr hat der rechtsradikale "Thüringer Heimatschutz" dem Städtchen Bad Blankenburg versprochen, es werde bis Ende des Jahres 2000 zur "national befreiten Zone", ausländerfrei. Deshalb weiß Ovidio nicht, wann er wieder dran sein wird. Sein Alltag besteht aus Terror. Wo er nicht offensichtlich ist, spielt er sich in seinem Kopf ab. Keine Minute vergeht ohne die "Faschos": Sie nisten in seinen Gedanken, dominieren in seinen Gesprächen, tauchen in seinen Träumen auf - und regelmäßig auch vor seiner Haustür. Am 10. Mai haben sie ihn zusammengetreten, als er angeschlagen von einer Blinddarmnotoperation gerade nach Hause ging. Sie wissen, wo er ist und was er tut. Jetzt ist Wochenende, und da verrichten die Fußvolkkameraden gewöhnlich ihre von oben gestellte nationale Aufgabe mit besonderer Begeisterung. Niemand weiß, was sie heute aushecken, wo sie auftauchen. Vielleicht passiert ja auch gar nichts. Vielleicht feiern sie im engen Kreis und lassen den "Zecken" heute ihre Ruhe. Es ist ein Warten auf den Terror, der schon längst da ist. Kurz vor dem Eingang in den märchenhaften Kurpark, den die Schwarza aus dem Thüringer Wald durchplätschert, schleicht ein roter Ford Escort vorbei. Er ist tiefer gelegt und hat breite Reifen. Der linke Arm des Fahrers baumelt aus dem Fenster. Ovidios Kopf dreht sich schnell, dann nimmt er Pepe strenger. Sie gehen über die Straße. Da, auf den Bänken neben der Antoniusquelle, da sitzen sie manchmal - die, die ihm kürzlich nachts am Telefon sagten: "Heute wird's eskalieren. Wir vergewaltigen deine Alte, dann schlagen wir dich tot." Um diese Stunde aber ist der Park noch zu gut besucht, um solche Ankündigungen Wahrheit werden zu lassen. Pepe verrichtet brav sein Geschäft, und der Park ist herrlich. Für den Ernstfall ist Pepe ohnehin zu klein. Die "Faschos" in Bad Blankenburg wissen das.

19.45 Uhr Eberswalde: Bei Yaman's servieren sie den Döner Kebap nicht, sie zelebrieren ihn. Die drei Türken lassen Messer, Salatzangen und Soßenlöffel rotieren wie bei einem Staffellauf. Sie füllen Fleisch, Salat und Soße in die Brottasche, bis der Gast an der schieren Größe der Portion scheitern muss und kleckert. Dass Ausländer einen so satt machen und dabei noch Geschäftigkeit ausstrahlen, erzeugt Respekt - auch am Ecktisch der Bierseligen. "Haste schon mal 'nen Türken auf'm Arbeitsamt jesehn? Ick nich'."

Wenn am Wochenende feste Nahrung für eine lange, feuchte Nacht besorgt werden muss, wandert die alternative Jugend von Eberswal- de zu Yaman's und die Rechten 100 Meter weiter ins Café Kneipe. Dort ist ebenfalls ein Türke der Chef und bietet Döner, Bier und einen Treffpunkt für "Faschogurken" oder "Dumpfbacken". So nennt Tamas sie. Tamas ist Eberswalder mit ungarischem Vater. Die "Dumpfbacken" hatten über Internet für heute Nachmittag zu einer Demonstration in Eberswalde aufgerufen. Tamas, Abiturient mit dem Organisationsdrang eines geborenen Klassensprechers, hatte vor seinem geistigen Auge schon die Gegenaktion entworfen: Vorneweg zwei Särge mit den Namen jener Opfer rechter Gewalt, die Eberswalde im ganzen Land zu traurigem Ruhm gebracht haben - Amadeu Antonio, Angolaner, Falco Lüdke, Punker. Dann die Rechten mit einer Konfettiparade überschütten und "einfach lächerlich machen". Dramaturgisch passt das nicht ganz zusammen. Aber es wurde sowieso nichts aus der Sache, den ganzen Nachmittag über hat sich keine Glatze in der Stadt blicken lassen.

Eberswalde ist seit längerem kein so gutes Pflaster mehr für rechtsradikale Kameradschaften oder Leute, die ihre Gesinnung mit kahl geschorenen Schädeln, Springerstiefeln und weißen Schnürsenkeln allzu deutlich mit sich herumtragen. Das hat einiges mit der Polizei zu tun, die in Eberswalde inzwischen eine harte Linie gegen Rechtsradikale fährt. Und es hat mit der lebhaften alternativen Jugendszene zu tun. Im Gegensatz zu den Dörfern im Umland ist es in Eberswalde schick, "Antifa"-Aufnäher zu tragen. Aber in der Zeitung, meint Tamas, sollen sie ruhig von Eberswalde als "rechter Hochburg" schreiben: "Dann lässt die Wachsamkeit nicht nach."

Tamas und Mathias begnügen sich also mit einer Patrouille um den Block, inspizieren Trafokästen, Häuserwände und Verkehrsschilder. Rechtsradikale Plakate und Graffiti werden kurzerhand entfernt. Die Gegenwehr hat überall Spuren hinterlassen: Hakenkreuze sind durchgestrichen, an den Laternenpfählen haften "Antifa"-Spuckis, und die 1000 NPD- Aufkleber mit dem Aufruf zum "Tag des Nationalen Widerstands" wurden dank tatkräftiger Hilfe aus der linken Szene in vier Tagen und Nächten wieder abgekratzt. Einem schwarzen Opel mit Runen und DVU-Aufkleber am Heck klebt Mathias die nur mühsam zu entfernende Aufforderung "Nazis, verpisst Euch" an die Scheibe. Tamas notiert das Kennzeichen. Keine besonderen Vorkommnisse - bislang. Im evangelischen Jugendkeller, vor ein paar Monaten Angriffsziel einiger Gäste aus dem Café Kneipe, lümmelt man sich auf einer Geburtstagsfeier. Bleibt noch das Flößerfest zwei Kilometer vor der Stadt. Karussell, Schießbude, Disco und vor allem Bier, Bier, Bier.

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