Sophie Scholl Keine Ikone

Barbara Leisners Porträt der Sophie Scholl

Das Schicksal der von den Nationalsozialisten im Februar 1943 hingerichteten Studentin Sophie Scholl ist aus zahlreichen Veröffentlichungen über die Münchner Widerstandsgruppe Weiße Rose bekannt. Nun hat Barbara Leisner eine ausführliche Charakter- und Entwicklungsstudie über Sophie Scholl geschrieben und damit die erste, umfassend recherchierte Biografie über die Nazigegnerin vorgelegt. Ihr Buch beruht auf einem neuen Quellenstudium, in das auch die seit 1989 zugänglichen Verhörprotokolle aus der ehemaligen Münchner Zentrale der Gestapo sowie eine Reihe von Gesprächen mit damaligen Zeitgenossen Sophie Scholls einbezogen wurden. Entstanden ist daraus das vielschichtige Porträt einer jungen Deutschen, die sich vom begeisterten BDM-Mädchen zur entschiedenen Widerstandskämpferin entwickelte und ihre kritische Haltung mit dem Tod bezahlen musste.

Sophie Scholl war bereits 1934, mit knapp 13 Jahren in ihrer Heimatstadt Ulm den Jungmädeln beigetreten. Mit ihren vier Geschwistern teilte sie die Begeisterung für die Nazibewegung, sämtliche Scholl-Kinder waren in den ersten Jahren des "Dritten Reiches" in der Hitler-Jugend aktiv. Sophie Scholls Jugend glich zunächst dem Weg einer ganzen Generation, und Barbara Leisner vermittelt in ihrem Buch einen prägnanten Eindruck vom damaligen Lebensgefühl - zwischen Fahrt und Lager, Sommernächten am Feuer und marschierenden Kolonnen, Fahneneid und fast religiösem Führerkult.

Erste Zweifel löste im Spätherbst 1937 die Verhaftung des älteren Bruder Hans aus, der als Fähnleinführer mit einer Fahne der bündischen "Deutschen Jungenschaft" aufgetreten war und sich mit einigen "Pimpfen" zu einer eigenen Freundschaftsgruppe zusammengeschlossen hatte. Als im Zuge einer Verhaftungswelle sämtliche fortbestehenden "bündischen Umtriebe" im Reich unterdrückt werden sollten, wurde auch Hans Scholl fünf Wochen festgehalten und polizeilich verhört. Die Hintergründe dieses Prozesses sind jüngst in einer Studie von dem Tübinger Historiker Eckhart Holler erforscht und einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt worden. Barbara Leisner kommt in ihrem Buch zu einer ähnlichen Schlussfolgerung wie Holler, wenn sie davon ausgeht, dass vor allem diese persönliche Erfahrung mit der repressiven Macht des NS-Regimes, die die Jugendlichen völlig unvermittelt traf, für beide Geschwister den Beginn einer Loslösung vom Umfeld der Hitler-Jugend markierte.

Sophie Scholl wurde fortan hellhörig für die Gefährdung ihrer jüdischen Mitschülerinnen, sie machte sich die zunehmende Brutalität auf der Straße sowie die laufenden Verhaftungen bewusst und erfuhr recht bald von der Existenz der Konzentrationslager, in denen Juden und politische Gegner spurlos verschwanden. Von ihrem Amt als Gruppenführerin im Jungmädelring wurde sie 1939 wegen Ungehorsam suspendiert.

Als Sophie Scholl im Mai 1942, kurz vor ihrem 21. Geburtstag, ihr Biologiestudium in München begann und mit dem Freundeskreis ihres Bruders bekannt wurde, hatte sich ihr grundsätzliches Unbehagen am NS-Regime schon in eine innere Bereitschaft zur Untergrundarbeit gewandelt. Hinter ihr lagen die Ausbildung zur Kindergärtnerin im Ulmer Fröbel-Seminar, ein schwieriges Jahr im Lager des "Reichsarbeitsdienstes" (RAD) in Krauchenwies sowie das konfliktreiche Liebesverhältnis zu dem jungen Leutnant Fritz Hartnagel, den sie im Winter 1941/42 durch ihre eigenwillige Feldpost gegen den Krieg schockiert hatte.

Das erste Flugblatt der Weißen Rose entdeckte die Studentin noch ohne Kenntnis von der Urheberschaft ihres Bruders Mitte Juni in einer Fensternische ihres Hörsaals. Wenig später stand sie selbst an der Vervielfältigungsmaschine im Atelier des Architekten Manfred Eickmeyer, in dem sich der kleine Kreis um Hans Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und Kurt Huber konspirativ eingerichtet hatte. Ein halbes Jahr arbeitete sie mit an der Entstehung der fünf weiteren Flugblätter sowie an deren raschen Verbreitung per Post und per Bahn. Dann wurde sie am 18.

Februar 1943 mit ihrem Bruder Hans in der Universität verhaftet und drei Tage später gemeinsam mit den anderen Beteiligten vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt.

Was Barbara Leisner in ihrer Biografie zum Vorschein bringt, ist die Geschichte eines politischen Reifungs- und Reflexionsprozesses. Gerade anhand der Briefe und Aufzeichnungen Sophie Scholls lässt sich nachvollziehen, wie sich die Opposition gegen die nationalsozialistische Bewegung aus der eigenen Jugend entwickelte - aus jener Generation, die im NS-Staat erzogen und auf eine besondere Vorreiterrolle im System vorbereitet wurde. Widerstand wird in Leisners Darstellung nicht zum abstrakten Heldenideal verklärt, sondern erscheint als praktische Konsequenz aus der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der eigenen Beteiligung daran.

Gleichzeitig ergibt sich aus der Perspektive der Einzelbiografie ein neuer Blickwinkel auf die Aktivität der Weißen Rose und die durch jeweils unterschiedliche Einflüsse und geistigen Mentoren hervorgerufene Vielstimmigkeit ihrer Flugbatt-Texte. Auf diese Weise gelingt es Leisner, eine längst zur Ikone der Erinnerungskultur erstarrte Frauenfigur behutsam vom Sockel zu heben und ihre Lebensgeschichte vor einem aktuellen Forschungshintergrund neu zur Diskussion zu stellen.

Barbara Leisner: "Ich würde es genauso wieder machen" - Sophie Scholl
List Taschenbuch Verlag, München 2000, 279 S., 16,90 DM

 
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