Arbeiten, um zu überlebenSeite 2/2

Die Frage, wie stark eine HIV-Infektion die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, ist jedoch immer nur individuell zu beantworten. "Mein Beispiel zeigt, dass man mit HIV in einem anspruchsvollen Beruf voll leistungsfähig sein kann", sagt Renate Hollmann*, die seit 1983 HIV-positiv ist. Von ihrer Krankheit erfuhr Hollmann kurz vor dem Chemiediplom. Sie entschied sich "bewusst" zu einem Promotionsstudium und verfolgte zielstrebig ihre wissenschaftliche Karriere. Heute arbeitet die 46-Jährige in leitender Stellung für einen Pharmakonzern. Ihre Bilanz nach 17 Jahren: Die Krankheit habe ihr sehr viel genommen, vor allem die Perspektive auf Partnerschaft ärgstens eingeschränkt. Arbeiten ist für sie eine "Überlebensstrategie", der Beruf ihre "Teilhabe an der Gesellschaft".

Die Krankheit lässt sich im Büro kaum verheimlichen

Hollmann machte die Erfahrung, dass es sehr schwierig ist, am Arbeitsplatz offen mit der Krankheit umzugehen. "Andere Kranke haben das Mitgefühl der Kollegen, das Verständnis des Chefs", weiß die Chemikerin. Doch sie selbst erlebte bei Mitarbeitern "absolut irrationale Infektionsängste". Ihre Krankengeschichte wurde überdies zum Gegenstand von üblem Büroklatsch. "Die Kollegen spekulierten, ob ich früher eine Prostituierte war oder drogenabhängig." Hollmann kann die HIV-Infektion im Büro verschweigen, da es keine gesetzliche Auskunftspflicht gibt - weder gegenüber dem Chef noch gegenüber den Kollegen. Geheim halten kann sie ihre Krankheit jedoch kaum, denn sie muss jeden Tag zu festen Uhrzeiten insgesamt 30 Tabletten zu sich nehmen. "Das ist dann schon ein Problem, wenn Sie in einer Sitzung sind und sich eine Hand voll Pillen einwerfen." Wenn es möglich ist, ersparen die Ärzte deshalb berufstätigen Patienten die "Mittagsdosis". Die Kranken müssen ihre Medikamente dann nur noch morgens vor der Arbeit und abends nach Feierabend einnehmen - für viele eine große Erleichterung.

* Namen von der Redaktion geändert

 
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