Augenblick, beeil dich
Nicht der größte, aber der längste: Peter Steins "Faust" auf der Expo 2000 in Hannover
Von Zeit zu Zeit sehn wir den Alten gern. Faust hat den Deutschen oft als Führer gedient, wenn es galt, Grenzen zu verschieben, letzte Kräfte zu mobilisieren, am Abgrund weiterzumachen, sich zu entschulden und zu verwandeln. "Faust trat aus dem Bereich der Poesie in den eines nationalen Kodex. (...) Das ,Faustische', mit dem angeblichen Gewicht geistiger Weisung, usurpierte das vernünftige Bedenken des Möglichen." Diese Sätze stammen aus einem wegweisenden Aufsatz des Literaturprofessors und ehemaligen Aachener Hochschulrektors Hans Schwerte, einem Aufsatz, der 1962 fast so viel Aufsehen erregt hatte wie 1995 die Nachricht, dass Schwerte als SS-Hauptsturmführer Ernst Schneider aktiv gewesen war.
Faust kämpfte in beiden Weltkriegen auf deutscher Seite. Und als Dönitz' Flotte sich schon auflöste, da ging einer zu den U-Boot-Fahrern und las ihnen Faust , damit sie weiterführen. Dieser eine eröffnet jetzt in Hannover den neuen Faust , den größten, den es je gab. Will Quadflieg, im Rollstuhl in den Spalt eines riesigen Vorhangs geschoben, spricht die "Zueignung". Wieder lautet seine Botschaft: Durchhalten.
Vom Meeresgrund also durch die Welt zur Hölle - es wird der ganze Kreis der Schöpfung ausgeschritten. Peter Steins Faust hat aber keinen politischen Auftrag, er soll nur Theatergeschichte machen. Stein ging dazu eine Wette mit dem Gott des Theaters und einen Pakt mit dem Teufel des Zeitgeists ein. Mit dem Theatergott wettete er, dass es möglich sei, das ganze Stück zu spielen, ohne eine Kürzung, unter Berücksichtigung aller Regieanweisungen. Den Zeitgeist-Teufel gibt Tom Stromberg, der Chef des Expo-Kulturprogramms. Stein misstraut dem künftigen Intendanten des Hamburger Schauspielhauses herzlich und sagt: "Ich glaube, er will seinen Expo-Zirkus mit einem altertümlichen Qualitätsprodukt flankieren."
Schon Richard Wagner fand, die Deutschen müssten den Faust lesen wie eine Bibel; er hatte Pläne, eigens für dieses Werk ein Theater zu bauen und ein Ensemble zu gründen. Er erhoffte sich einigende Wirkung für das deutsche Volk. Stein hat das Projekt verwirklicht. Wenn der Faust die Bibel der Deutschen ist, so wirken in Halle 23 der Expo lauter bibeltreue Christen unter der Hoheit eines verehrten Priesters. Und wenn Stein auch die geistige Einheit des Volkes von Herzen egal sein mag, so kümmert er sich doch um das geistige Wohl des Einzelnen. Er habe dank Faust "was kapiert" vom menschlichen Dasein, sagt Stein, das wolle er weitergeben. "Faust/Stein" ist das Firmenzeichen dieser Unternehmung, und auf dem Theaterplakat sind die Lettern beider Namen gleichsam an den Sohlen zusammengewachsen, als sei einer das Spiegelbild des anderen.
In Halle 23 sieht es vor der Premiere aus wie in einem etwas heruntergekommenen Flughafen, es drängen sich zum Stop-over Reisende ganz verschiedener Art: Entscheidungsträger einerseits, Agenten des so genannten Standortvorteils andererseits. Die Mächtigen aus der Industrie, die Steins Projekt kräftig unterstützen, und die Herrschaften der Kultur und der Medien: Wirtschaftsfäuste und Meinungsmephistos.
Stein hat sein Theater als eine Art Gegen-Vegas mitten in die Wüstenstadt Expo 2000 gesetzt. Für seinen Wagemut hat er bezahlt: Bei den Proben zum Faust büßte er einen Finger ein, und den Star der Inszenierung, Bruno Ganz, verlor er zumindest temporär: Der Schweizer stürzte bei den Proben und verletzte sich schwer an Hand und Hüfte. Am etablierten Theater wäre das Unternehmen in solch einem Fall verschoben worden, in Gegen-Vegas aber herrschen die Gesetze von Vegas: Es ist Saison, es muss gespielt werden. Stein lässt Christian Nickel, den 31-jährigen Darsteller des jungen Faust, auch den greisen Faust verkörpern. Trotz Nickels großer Anstrengung liegt Traurigkeit über Halle 23: Dies ist auch ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn Ganz.
Prolog im Himmel: Wir schauen von unten in eine Welt aus Stahl, Licht und Gefieder, als sei dort ein Engel in eine riesige Turbine geraten. Gott sitzt auf der Kommandobrücke wie Picard, der Kommandant der Enterprise, der Teufel bellt aus dem Frachtraum zu ihm hinauf: Die Wette gilt, sie wird Mephisto nichts nützen.
- Datum 27.07.2000 - 14:00 Uhr
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