"Pardon wird nicht gegeben!"

Die "Hunnenrede" Kaiser Wilhelms II. am 27. Juli 1900 eröffnete einen blutigen Rachefeldzug des deutschen Militärs in China von Gerd Fesser

Als Ende vergangenen Jahres Portugal seine Kolonie Macao an China übergab, stand in einer deutschen Zeitung zu lesen, die Portugiesen seien als erste Europäer nach Asien gekommen und als letzte gegangen. Von den Deutschen nun kann man das Gegenteilige sagen: Sie gehörten zu den Letzten, die kamen - und sie gingen (unfreiwillig) als Erste.

Am 14. November 1897 landeten deutsche Marinesoldaten in der Bucht von Kiautschou am Gelben Meer. Knapp fünf Monate später, am 6. März 1898, zwang die deutsche Reichsregierung der chinesischen Mandschuregierung - einem korrupten Regime, das sich vor dem eigenen Volk mehr fürchtete als vor den fremden Eroberern - den so genannten Kiautschou-Vertrag auf. Dieses Abkommen sah vor, dass China die Bucht samt dem umliegenden Gebiet von 515 Quadratkilometern (nicht die Stadt selbst) für 99 Jahre an das Deutsche Reich "verpachtete"; obendrein wurde die 150 000 Quadratkilometer große Provinz Schantung in eine deutsche Einflusszone umgewandelt. In den folgenden Jahren errichteten die Deutschen die Flottenbasis Tsingtau und bauten Kiautschou zu einem "Schaufenster" des Kaiserreichs aus.

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Just in jenen Jahren gab es eine ganze Serie von Naturkatastrophen: Missernten, Dürre, Überschwemmungen und Heuschreckenplagen. Dazu geriet Chinas Textilwirtschaft unter Druck. Industriell gefertigte Massenwaren aus Europa, insbesondere Baumwollstoffe und Baumwollgarn, überschwemmten den chinesischen Markt. All das vernichtete zahllose Existenzen und stürzte ganze Regionen, vor allem im Nordosten, ins Elend.

Viele Chinesen waren fest davon überzeugt, dass die "weißen Teufel" an all der Not schuld seien. Der Bau ihrer Bergwerke und Eisenbahnen, so glaubte man, habe die Grabstätten der Ahnen zerstört, und die christlichen Gotteshäuser hätten die Götter erzürnt. Namentlich die Missionare, die mit ihren Sonderrechten eine Art "Staat im Staate" bildeten, aber auch die chinesischen Konvertiten ("Reis-Christen") wurden zutiefst verachtet. Die soziale Not und die Zukunftsängste weiter Bevölkerungskreise sowie ein eingewurzelter Hass gegen die gierigen Ausländer bildeten den Nährboden dafür, dass sich eine neue Massenbewegung entwickeln konnte: die Yihetuan.

Die Yihetuan standen in der jahrhundertealten Tradition chinesischer Geheimgesellschaften und Sekten. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten solche Zirkel bestanden, die sich "Yihequan" ("Faust im Namen der Gerechtigkeit und des Friedens") nannten, von europäischen Autoren später auch als "Boxer" bezeichnet.

1898/99 kam es in der Provinz Schantung zu einer bewaffneten Erhebung. Die Aufständischen töteten Missionare und chinesische Christen, griffen auch deutsches Militär an. Im Jahre 1899 gliederte die Zentralregierung in Peking die Yihequan in die legalen Milizformationen ("Tuan") ein. Seitdem hießen sie offiziell "Yihetuan" ("Abteilungen im Namen der Gerechtigkeit und des Friedens").

Die Bewegung der "Boxer" hatte sich zunächst auch gegen das Mandschuregime gerichtet. Es gelang den reformfeindlichen Kräften um die Kaiserinwitwe Cixi (Tzuhsi, genannt der "alte Buddha") jedoch, den Kampfeseifer der "Boxer" auf die "fremden Teufel" sowie die "Reis-Christen" zu lenken. Im Frühjahr 1900 verließen die bewaffneten Verbände der Yihetuan ihre Hochburg Schantung. Sie marschierten auf Peking zu, wobei sie unterwegs Eisenbahnanlagen und Kirchen zerstörten und zahlreiche Europäer und Konvertiten ermordeten. Am 11. Juni zogen sie in die Hauptstadt ein.

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