Ein Konzern ist in die Hölle gestürzt. Das Bild mutet biblisch an, stammt aber von einem Insider der Biotech-Branche: Bei einer Konferenz über gentechnisch veränderte Nahrungsmittel (GMO) zog kürzlich ein Novartis-Vorstandsmitglied wortgewaltig über die Kollegen beim amerikanischen Konzern Monsanto her. Seinen Kritikern hatte der Saatgut- und Pestizidgigant zwar schon immer als Frevler an der Schöpfung und Inbegriff rücksichtsloser Konzernmacht ("MonSatan") gegolten - doch jetzt schimpfen sogar die ehemaligen Verbündeten. Monsantos ehrgeizige Strategie, GMO mit der Brechstange einzuführen, ist kläglich gescheitert.

Das Unternehmen verlor bei der Aktion seine Unabhängigkeit, musste sich mit dem Konkurrenten Pharmacia & Upjohn zusammenschließen, brachte die ganze Branche ins Schlingern. "Die haben uns allen einen schlechten Dienst erwiesen", zürnte der Novartis-Manager. Mit diesem Ausgang hätte die Monsanto-Führungsmannschaft um den charismatischen Robert "Bob" Shapiro wohl am wenigsten gerechnet, als sie zur Mitte der neunziger Jahre ihren Vorstoß auf den europäischen Markt plante. In den USA hatte die Strategie der "stillen Biotechnologie-Revolution" bestens funktioniert: Millionen Verbraucher verzehrten unbesorgt, weil ungefragt Soja und Mais aus den Monsanto-Labors. Die Clinton-Regierung hatte geholfen, die Wissenschaft sang das Lied vom Segen der Gentechnologie. Die meisten Medien ignorierten das Thema. Allerdings drängte in Europa die Zeit. Die intensive Landwirtschaft geriet in der Alten Welt gerade in die Kritik. Der Absatz von Agro-Chemikalien stagnierte, die Nachfrage nach Bioprodukten zog an.

Monsanto suchte sich Großbritannien als Sprungbrett nach Europa aus. Neben der Eroberung des britischen Marktes erhoffte man sich dort auch Unterstützung in der europäischen Politik. Die Strategie der "stillen Revolution" sah vor, sich auf die politischen und wissenschaftlichen Eliten zu konzentrieren. Dafür was das Klima in Großbritannien günstig.

Es machte überhaupt nichts, dass auf der Insel im Mai 1997 die konservative Regierung abgelöst wurde, die sich bis dahin als stiller Wegbereiter für Monsantos Produkte erwiesen hatte. Mit Tony Blair übernahm ein Politiker das Ruder, der ebenfalls an die Segnungen des technischen Fortschritts glaubte. Der Premier blieb auch dann noch ein engagierter Vorkämpfer für GMO-Produkte, als in der Bevölkerung längst die Skepsis wuchs und die Medien immer feindseliger über "Frankenstein-Food" und den Erbgut-Kapitalismus berichteten.

Viele Minister bestärkten Blair auf seinem Kurs: Sein damaliger Landwirtschaftsminister Jack Cunningham war schon lange als Förderer der Chemie- und Atomindustrie bekannt. Eine Schlüsselberaterin Cunninghams in Gentechnik-Fragen würde später in die Dienste der PR-Agentur Bell-Pottinger wechseln, die Monsanto beriet. Über den Wissenschaftsminister Lord Tim Sainsbury sollte bald bekannt werden, dass er selber an diversen Biotech-Unternehmen beteiligt war. Der damalige Vorsitzende des Agrarausschusses, der Konservative Peter Luff, musste im April 1999 zurücktreten, weil er dem Parlament seine lukrativen Bindungen mit Pro-GMO-Lobbyisten verschwiegen hatte. Und so weiter.

Monsanto versuchte also ein Spiel auf der Insel, das der Konzern in den USA bereits zur Perfektion gebracht hatte: die revolving doors, die Personalverquickung mit der herrschenden Administration und die Sympathie fördernde Aussicht auf lukrative Jobs für Beamte und Politikerassistenten. Konzernkritiker in den USA haben Monsanto schon als ein Pensionat für ehemalige Clinton-Mitarbeiter bezeichnet. Weil die Beziehungen zwischen Clintons Neuen Demokraten und den Blair-Reformern ohnehin eng waren, hatte Blairs Amtsantritt für Monsanto noch einen Vorteil: Stan Greenberg, ein ehemaliger PR-Experte von Bill Clinton, spann damals im Auftrag des Biotech-Konzerns die ersten Fäden zu New Labour. Die US-Handelsdelegation kämpfte entschlossen für die Biotechnologie und bemühte sich um angloamerikanischen Gleichschritt.

Blair und seine Kabinettskollegen waren aber nicht nur unter den Einfluss der Lobbyisten geraten, sondern auch Opfer ihrer wissenschaftlichen Berater geworden. Auch das war kein Zufall. Die Beraterstäbe der Regierung waren seit Jahren mit wohlwollenden Fachleuten besetzt. Fünf wissenschaftliche Komitees waren an dem Entscheidungsprozess der Regierung beteiligt, und 40 Prozent aller Mitglieder darin waren direkt mit der Biotech-Branche verbunden - allen voran mit Monsanto. Im besonders wichtigen Acre-Komitee, das sich mit den Umweltfolgen befasst, verdienten zehn von 13 Experten ihr Geld bei Monsanto & Co, darunter der Vorsitzende. Folge: Alle 160 Eingaben zugunsten GMO-Anbau, die bis Juni 1999 bei Acre eingingen, wurden gebilligt. Das Novel Foods Committee, das in Großbritannien über die Lizenzvergabe von GMO-Produkten entscheidet, war zu mehr als der Hälfte mit Biotech-Vertretern besetzt.