Wie hieltest du es mit dem Nationalsozialismus? Diese Gretchenfrage der Nachgeborenen wird seit dem Historikertag 1998 in Frankfurt in der geschichtswissenschaftlichen Zunft erregt diskutiert. Im Mittelpunkt stehen vor allem Theodor Schieder und Werner Conze, die intellektuell und vor allem institutionell einflussreichsten Historiker der Nachkriegszeit.

In den letzten Jahren wurde durch Arbeiten vor allem von Götz Aly, Karen Schönwälder, Peter Schöttler, Willi Oberkrome und Michael Fahlbusch bekannt, dass sich zahlreiche Historiker unter dem Zeichen des Volkstumskampfes eng mit dem Nationalsozialismus verbunden hatten. Im Kern dreht sich der Streit über antisemitische Äußerungen zugunsten geplanter Umsiedlungen im Osten und um die Mitarbeit an bevölkerungspolitischen Plänen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Das brisante Problem besteht darin, welche zurechenbare Verantwortung die von Historikern (und anderen) propagierte "Entjudung" polnischer Städte für den kurze Zeit später vollzogenen Judenmord hatte. Nach 1945 schwiegen Theodor Schieder und Werner Conze - wie so viele andere - beharrlich über ihre eigene Rolle.

Unstrittig ist, dass in den Jahrzehnten nach 1945 kaum jemand danach fragte, was die Größen des Faches eigentlich vor 1945 gemacht hatten. Das mag im Rückblick verwundern, gehören doch mit Reinhart Rürup, Hans und Wolfgang J. Mommsen und Hans-Ulrich Wehler auch Historiker dazu, die unter dem Banner einer "emanzipatorischen Geschichtswissenschaft" entscheidend zur scharfen Verurteilung und zur Überwindung der nationalsozialistischen Überhänge in der Bundesrepublik beigetragen haben. Sie stehen nun selber im Kreuzfeuer der Kritik, scheint doch einigen inzwischen die Sozialgeschichte durch die Herkunft aus der "braunen" Volksgeschichte diskreditiert.

Drei Ebenen überschneiden sich in dieser Kontroverse. Es geht erstens darum, welchen Anteil Historiker wie Schieder und Conze (und viele andere aus der "Ostforschung") an der intellektuellen Vorbereitung und der Vollstreckung des Judenmordes hatten. Zweitens dreht sich der Streit um die Frage personeller Kontinuitäten über 1945 hinaus, und drittens gründet der Streit im unterstellten Vorwurf, die Sozialgeschichte habe ihre intellektuellen Wurzeln in einer dem Nationalsozialismus zuarbeitenden Volksgeschichte.

Neu ist hierbei vor allem die Frage nach den langfristigen intellektuellen Kontinuitäten und Veränderungen über den Nationalsozialismus hinaus. Hans Rothfels ist hier eine der spannendsten Figuren. In den zwanziger Jahren etatistischer Neokonservativer und Gegner der Weimarer Republik, scharte er in Königsberg Jüngere um sich (Schieder und Conze gehörten dazu). Seit Ende der dreißiger Jahre im Exil, da er nach den nationalsozialistischen Gesetzen als Jude galt, wurde er nach 1945 eine der einflussreichsten Figuren in der historischen Zunft. Auch er änderte seine Position nach 1945 und schützte, wenn man so will, durch seine Unantastbarkeit als Verfolgter seine inzwischen etablierten Schüler.

Mit der aktuellen Kontroverse hat für die Geschichtswissenschaft die Erforschung der eigenen Geschichte begonnen. Zu lange hat man sich mit dem nicht weiter überprüften Urteil zufrieden gegeben, dass die große Mehrheit der Historiker bereits vor 1933 zwar dezidiert national-konservativ gewesen sei, deshalb aber auch eine gewisse Distanz zur nationalsozialistischen Ideologie bewahrt habe. Wie die jüngere Forschung gezeigt hat, war die deutsche Gesellschaft während des "Dritten Reiches" viel intensiver mit dem "Zivilisationsbruch" verbunden, als es die Mitläuferlegende suggeriert. Das gilt eben auch für viele Historiker.

Der von Rüdiger Hohls und Konrad Jarausch herausgegebene Band ist ein Beitrag zu dieser überfälligen Historisierung der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft. Er enthält 17 Gespräche mit renommierten und bekannten Historikern der Bundesrepublik. Die meisten Interviewten haben den Nationalsozialismus als Kinder zwar bewusst erlebt, ohne jedoch damals als Erwachsene verantwortlich handeln zu müssen. Rudolf Vierhaus (Jahrgang 1922) ist der Einzige der Befragten, der noch Soldat war; die zwei Jüngsten der Befragten sind 1941 (Jürgen Kocka) und 1942 (Winfried Schulze) geboren; zwei Frauen (Helga Grebing und Adelheid von Saldern) stehen neben 15 Männern.