Das große Übel

Immer mehr Seekranke. Sogar im Kino: Der Sturm tobt echt los. Was passiert da im Innenohr, und was hilft dagegen?

Im transatlantischen Medienrauschen, das den Kinostart von Wolfgang Petersens Katastrophenfilm Der Sturm begleitete, war tatsächlich dies zu vernehmen: Zuschauern der amerikanischen Uraufführung sei reihenweise übel geworden. So realistisch wurden die Riesenbrecher und Killer-Wellen (Bild) inszeniert, die dem Schwertfischfänger Andrea Gail 1991 zum Verhängnis wurden, dass der Boden selbst auf dem Festland ins Wanken gerät.

Seekrank im Kino? Die Nausea (so der medizinische Terminus für die Geisel der Seefahrt) ist in erster Linie eine Bewegungskrankheit. Sie kann auch bei Flug- und Autoreisen auftreten, ist aber auf See besonders verbreitet und unangenehm. Die Ursache liegt in sich widersprechenden Sinnesreizen, die das Gehirn gleichzeitig erreichen: Von Geburt an werden unsere Sinne auf ein spezielles Muster im Zusammenspiel von Wahrnehmungen ausgerichtet. Sobald die gewohnten Abläufe durcheinander geraten, reagiert der Organismus mit Fehlfunktionen.

Anzeige

In diesem Fall liegen die Hauptschuldigen in den Schädelknochen hinter den Ohren: die Gleichgewichtsorgane, auch das Labyrinth genannt. Sie gehören zum inneren Ohr und bestehen im Wesentlichen aus drei mit Lymphflüssigkeit gefüllten Röhren. Auf der Gehörschnecke sind sie so angeordnet, dass sie alle drei räumlichen Dimensionen erfassen. Sobald sich der Körper in Bewegung setzt, gerät auch die Flüssigkeit innerhalb der betroffenen Bogengänge in Bewegung.

Dabei erzeugt die Lymphe über feinste Härchen, die, Sensoren gleich, dicht an dicht die Innenwände der Röhrchen bedecken, Reize. Und diese Reize gelangen über die Nervenbahnen an das Gehirn. Überlagern sich die Meldungen wegen ungewohnter und ständig wechselnder Bewegungsabläufe, eben wie beim Seegang, reagiert die Zentrale auf das Datenchaos mit Befehlen, die rasch zur Übelkeit führen.

Und das soll sogar im Kino so ablaufen? Widersprechen die katastrophalen Seegangsverhältnisse des Geschehens auf der Leinwand als optischer Reiz den Sensormeldungen des Gleichgewichts (alles ruhig, keine Bewegung ...), kann dem sensiblen Zuschauer richtig übel werden. Allerdings, ein Unterschied besteht: Im Kino kann er die Vorstellung schnell verlassen. Auf See hingegen wollen die meisten Betroffenen nur eins: am liebsten sterben.

Wie groß das Übel ist, lässt sich an der Zahl der Gegenmittel ablesen: Mehr als 50 Präparate - Kaugummis, Sirup, Zäpfchen und Dragees - bieten die Apotheken an. Bei deren Wirkstoffen handelt es sich um eine kleine Gruppe chemischer Grundsubstanzen, die als Psychopharmaka dämpfend auf Transport und Austausch von Signalen im Nervensystem wirken. Mit Nebenwirkungen ist zu rechnen. Manche Mittel machen den Betroffenen so schlapp und müde, dass er zum Beispiel als Crewmitglied im Wachplan nicht mehr einzusetzen ist. Einige müssen bereits Tage vor Antritt der Reise und dann kontinuierlich genommen werden, gleichgültig, ob es die Wetterbedingungen erfordern oder nicht.

Die Wunderdroge, die auch bei schweren Fällen sofort nach dem Einnehmen hilft, gibt es noch nicht. Auch diejenigen mit der schnellsten Wirkung erfordern einige Stunden Vorlauf. Trotz seiner möglichen Nebenwirkungen beliebt und zuverlässig in seiner Wirkung ist das Depotpflaster Scopoderm TTS. Es wird einfach hinter das Ohr geklebt und gibt etwa drei Tage lang seinen Wirkstoff durch die Haut direkt ins Blut ab. Nach fast zweijährigem Produktionsstopp ist es seit 1999 wieder zu haben.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service