Ernährungslehre mit McDonaldsSeite 3/3
Kritiker fürchten, dass es am Ende so weit kommen kann, dass sich zahlungskräftige Sponsoren kritische Lehreranmerkungen zu ihren Produkten verbitten. Totaler Blödsinn, sagen Marketingvertreter. Doch Andrew Hagelshaw vom CCFPE hat es schwer, Lehrer zu finden, die bereit sind, aggressives Firmensponsoring öffentlich zu kritisieren. "Sie reagieren nervös und ängstlich", hat Hagelshaw festgestellt. Lehrer sind in den USA keine Beamte, und wie groß der Einfluss der Wirtschaft in amerikanischen Schulen sein kann, demonstrierte schließlich der "Coke Incident" im März 1998. Damals wurde ein Oberstufler in Georgia zeitweise vom Unterricht ausgeschlossen, weil er am "Coca-Cola Day" seiner Highschool ein Pepsi-Hemd trug. Der Teenager habe sich respektlos verhalten, argumentierte die Schulleitung.
Nicht zuletzt wegen solcher Beispiele glaubt das CCFPE einen Stimmungswandel zu erkennen. Jüngst konnten die Kommerzgegner ein paar Siege verbuchen.
Kalifornien verbietet seit dem vergangenen Jahr Firmenlogos in Schulbüchern, nachdem ein Verlag begonnen hatte, Mathe anhand "realitätsnaher" Aufgaben zu lehren. Textprobe: "Will spart sein Taschengeld für ein Paar Nike-Schuhe, die 68,25 Dollar kosten. Wenn Will pro Woche 3,25 Dollar verdient, wie lange muss er dann sparen?"
In mehreren Bundesstaaten und Städten entschieden sich Schulen zudem gegen exklusive Getränkeverträge. Und der US-Senat hielt im vergangenen Jahr eine eigene Anhörung zu Channel One ab, einem umstrittenen Nachrichtensender speziell für Heranwachsende, der mittlerweile von über acht Millionen US-Schülern im Klassenzimmer gesehen wird. Der Sender stattet Schulen gratis mit Satellitenschüsseln, Videorecordern und Fernsehern aus. Im Gegenzug müssen die Schulen sich verpflichten, einen Teil der Unterrichtszeit fernzusehen. Zwei der täglich zwölf Minuten Bildungsfernsehen bestehen aus Werbung. Einer Cace-Studie zufolge kostet Channel One die amerikanischen Steuerzahler damit jährlich 1,8 Milliarden Dollar an verpasster Unterrichtszeit - ein Schultag geht allein für Werbung drauf.
Doch aufgrund des starken Lobbyings von Firmen und Channel One sowie der finanziellen Not vieler Schulen glauben Kritiker wie Werbefreunde, dass sich der Trend zur Kommerzialisierung der Schule eher noch verstärkt. Trotz "Coke Incident" und Spaghettisoßen-Lehrversuchs "haben wir den Höhepunkt noch nicht erreicht", sagt nicht nur David Walsh, Direktor des National Institute on Media and the Family und Autor des Buchs Selling Out America's Children.
Die Konzerne finden immer neue Wege, um in den Schulalltag einzudringen, seit neuestem etwa über das Internet. Den Zugang dazu sowie die Computer stiftet seit einiger Zeit eine kalifornische Firma, die anschließend elektronisch überwacht, wohin die Schüler im Netz surfen. Die so gewonnenen Daten werden weiterverkauft. Und natürlich flimmern Anzeigen über den Bildschirm.
Zyniker sehen bereits eine Zukunft voraus, in der selbst Klausuren Werbeaufdrucke tragen und Klassenzimmer gepflastert sind wie ein Formel-1-Wagen. "Es steckt viel Geld im Schulsponsoring", sagt Molnar. "Und wenn es ums Geldverdienen geht, ist in Amerika fast alles erlaubt."
- Datum 27.07.2000 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 31/2000
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren