"Kinder, was soll diese Prüderie?" Siehe dazu auch Feuilleton, Seite 38
Exklusiv und vorab in der ZEIT: Das "Literarische Quartett" vom 18. 8. 2000
Marcel Reich-Ranicki: Nun, wer ist heute wieder mit diesem Buch unzufrieden? Hier ist ja heute eine Negativstimmung in hohem Maße. Frau Löffler, Sie sind als Frau und Österreicherin verpflichtet, uns zu sagen, was in dem Buch drinsteht.
Sigrid Löffler: Es ist kein Buch, das über besondere Perversionen oder Ausschweifungen berichtet ...
Hellmuth Karasek: Doch.
Löffler: Nein!
Reich-Ranicki: Die Darstellung sexueller Vorgänge ist vom rein Körperlichen her literarisch überhaupt kein Problem. Das kann jeder Anfänger.
Karasek: Darf ich mal aussprechen?
Reich-Ranicki: Hauptmotiv ist ein Wort, ich muss ...
Löffler: Nein.
Reich-Ranicki: Kinder, was soll diese Prüderie? Es gibt Kapitel, wo man unentwegt lesen muss ...
Karasek: Bitte nicht!
Reich-Ranicki: Wir werden ficken ...
Karasek: Nein!
Reich-Ranicki: ... wir haben gefickt, wir wollen ficken, wir wollen noch mal ficken.
Löffler: Ich dachte, wir kommen ohne dieses Wort aus.
Karasek: Darf ich ausreden? Bitte! Einmal in meinem Leben möchte ich ausreden!
Reich-Ranicki: Manchmal kommt "vögeln", das ist eine Abwechslung, und das sieht man dann mit Freude.
Löffler: Die deutsche Sprache hat einen großen Reichtum an Synonymen.
Reich-Ranicki: Nein, auf diesem Gebiet hat die deutsche Sprache leider gar keinen Reichtum.
Karasek: Darf ich einen Satz, darf ich mal sprechen, während Sie mich unterbrechen, bitte. Einmal möchte ich sprechen, während Sie mich unterbrechen: Es ist ein Roman über Einsamkeit, und es gibt für Einsamkeit keine bessere Chiffre als die Onanie. So! Ich bin deshalb so erregt, weil ich finde, dies ist eines der wenigen epochalen Werke, die ich je im Literarischen Quartett zu vertreten hatte.
Reich-Ranicki (entsetzt): Lieber!
Löffler: Doch, zwischen "beiwohnen" und "ficken" gibt es wirklich einen großen Reichtum an Synonymen ...
Alle Zitate stammen wörtlich aus dem Buch "... und alle Fragen offen - Das Beste aus dem Literarischen Quartett", das im Heyne-Verlag erschienen ist, sind aber vollständig aus dem Zusammenhang gerissen. Zusammengestellt von Jörg Albrecht
- Datum 27.07.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 31/2000
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