Lernen mit Gütesiegel
Mit einer "Stiftung Bildungstest" will die CDU die Weiterbildungsbranche unter die Lupe nehmen
Am ersten Kurstag wähnte Bianca Meerfeld * sich in einem Computermuseum.
Eine Desktop-Publishing-Umschulung mit modernstem Gerät hatte das norddeutsche Institut versprochen
doch tatsächlich möblierten den Unterrichtsraum mickrige 14-Zoll-Monitore, prähistorische Drucker und klapprige Scanner. Obendrein mussten sich je zwei Teilnehmer einen Rechner teilen, die Computerprogramme waren veraltet. Bianca Meerfeld war nach Studium, freiberuflicher Tätigkeit und einigen Monaten Arbeitslosigkeit hoch motiviert. Für die Dozenten galt das nicht. "Manche kamen völlig unvorbereitet in den Unterricht und wollten ständig Kaffeepause machen", zürnt die 31-jährige Hamburgerin. Durch das "Schneckentempo" unterfordert, spielte sie bald mit dem Gedanken, den Kurs sausen zu lassen. Bianca Meerfeld hielt trotzdem durch. Gemeinsam mit anderen Teilnehmern suchte sie das Gespräch mit der Institutsleitung und beschwerte sich beim Arbeitsamt. Prompt musste die Einrichtung technisch nachrüsten, um auch für den nächsten Kurs noch eine Förderung zu erhalten.
Bei staatlich geförderten Fortbildungen für arbeitslose Akademiker sind die Arbeitsämter für den Qualitäts-Check zuständig. Sie sollen die Angebote prüfen, die Teilnehmer befragen und ihren Erfolgen beim Berufseinstieg nachspüren. "Bei Vermittlungsquoten unter 70 Prozent ist ein Träger schnell aus dem Rennen", sagt Heinz-Wilhelm Seegers. "Im Boomzweig Informationstechnologie erwarten wir deutlich mehr." Der Berater vom Akademikerzentrum für Beratung und Vermittlung (Akzent) des Arbeitsamtes Stuttgart räumt aber ein, dass gerade der Multimedia-Bereich durch die Vielzahl der Anbieter nahezu unüberschaubar sei. Manche Einrichtungen kreieren blumige Berufsbilder wie "IT-Monteur" oder "Multimedia-Producer" und nehmen auf die Vorkenntnisse ihrer Teilnehmer wenig Rücksicht - Hauptsache, die Kurse sind gefüllt. "Eine Mannequin-Schule würde auch eine Oma im Rollstuhl zum Model machen, wenn sie dafür Geld bekommt", sagt Seegers.
Die CDU will das Dickicht nun lichten. Mit einer "Stiftung Bildungstest" soll vor allem die Weiterbildungsbranche unter die Lupe genommen werden. Am Montag stellte Baden-Württembergs Kultusministerin Annette Schavan das Konzept vor: Nach dem Vorbild der seit über 30 Jahren erfolgreichen Stiftung Warentest soll die gemeinnützige Stiftung Qualitätsstandards etablieren und alles testen, was der Markt verlangt - von Lernsoftware über Lexika bis zu beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen, später vielleicht sogar Schulen und Hochschulen. "Wir brauchen keine weiteren Appelle mehr, wie wichtig Bildung ist", sagt Annette Schavan. "Wir brauchen Vertrauen, dass die in Deutschland angebotene Bildung gut ist." Von staatlicher Reglementierung, etwa durch ein Rahmengesetz für die Weiterbildung, hält die bildungspolitische Vordenkerin der CDU wenig und favorisiert eine unabhängige Einrichtung ohne detaillierte Vorgaben.
Als Ergänzung zur Stiftung plädiert die CDU für einen "Sachverständigenrat Bildung". Wie die Fünf Weisen in der Wirtschaftspolitik sollen fünf Bildungsexperten dem Bundeskanzler im Jahresturnus ein Gutachten präsentieren. Mit einem solchen "Frühwarnsystem" lassen sich nach Auffassung von Schavan Schwachstellen frühzeitig aufspüren - wie etwa der Mangel an Computerexperten. Auch die ständige Achterbahnfahrt auf dem Lehrerarbeitsmarkt hält die stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU für vermeidbar.
Die bisherigen Qualitätstests sagen dem Verbraucher wenig
- Datum 03.08.2000 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 32/2000
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren