Das stilbildende Wunderkind

Das Londoner Magazin"Wallpaper" gilt als Zentralorgan des guten Geschmacks. Ein Besuch bei Gründer und Chefredakteur Tyler Brûlé

Mister Brûlé erwartet Sie", meldet die Assistentin und führt uns durch das düstere Londoner Brettenham House, das aussieht, wie man sich das Wahrheitsministerium in George Orwells 1984 immer vorgestellt hat. In der Wallpaper-Oase ist von totalitären Anmutungen freilich nichts mehr zu spüren

hier verkörpern Möbel aus hellem Holz in sanft geschwungenen Formen jene Ästhetik, welche das Magazin für "urbane Modernisten und globale Navigatoren", so die Eigenwerbung, zum Standard guten Designs erklärt. Und in jenen Branchen, die sich mit der Verschönerung des Lebens befassen, gibt es gegenwärtig kaum jemanden, der ein Wallpaper-Diktum anzweifelte. Laut Independent hat Wallpaper eben "immer das letzte Wort" in Sachen Stil. Der, der bei Wallpaper das letzte Wort hat, springt aus seinem Eames-Sessel auf und streckt die Hand aus: "Hallo, Tyler Brûlé." Wie viel ist allein so ein Name wert ?

Die Laufbahn des "Wunderkinds der Medienwelt" (Irish Times) passt zum exotischen Namen: Kaum 20, flog der Kanadier nach Manchester und trat einen Job beim Jugendfernsehsender der BBC an. Rasch befand er, die Stadt sei die "Achselhöhle der Welt", und flüchtete ins wesentlich stilvollere London. "Vom TV gelangweilt", wie es in seinem offiziellen Lebenslauf heißt, wechselte er zur Presse. Als Kriegsberichterstatter in Afghanistan geriet er in einen Hinterhalt, wurde angeschossen und schwer verwundet: 36 Kugeln trafen sein Fahrzeug. Seither kann der einstige Linkshänder seinen linken Arm kaum mehr gebrauchen - die Rolex trägt er rechts.

Lebe besser, gründe "Wallpaper"

Manche wenden sich nach solch einem Erlebnis den ernsten Fragen des Lebens zu, Tyler Brûlé ging den anderen Weg. Im Krankenhausbett schwor er sich, von nun an nur noch Dinge zu tun, die seine Lebensqualität verbessern. Vor dem legendären Slogan "Lebe besser, lies Wallpaper!" stand die Idee "Lebe besser, gründe Wallpaper!". Denn als er den Früchtekorb sah, den ihm sein Auftraggeber anstelle eines Honorars für den nicht geschriebenen Artikel über Médécins sans Frontières gesandt hatte, wurde ihm klar, dass er sein eigener Boss werden wollte.

Inzwischen ist er 32, Millionär - und wieder Angestellter. Wallpaper hat er 1997 nach bloß vier Ausgaben an Time-Warner, heute AOL Time-Warner, den größten Medienkonzern der Welt, verkauft. Der Konzern zahlte ihm über eine Million Dollar und tut seither alles, um den kreativen Kanadier bei Laune zu halten: Tyler möchte nicht im New Yorker Hauptquartier arbeiten, wo die Erbenszähler sitzen? Kein Problem. Tyler hat die Sandwich-Buden um sein Londoner Büro satt? Man richtete ihm eine Küche ein und stellte einen Koch an. Und, ach ja, Tyler möchte ein sechsstelliges Jahresgehalt.

Seither kommt kaum ein Porträt über ihn ohne den Satz aus, er sähe "aus wie die Million Dollar, die er mindestens wert ist". Dabei war er unmittelbar nach dem Verkauf des Blattes gar nicht so reich, wie man schrieb. Denn einen Gutteil des Gewinns lieferte Brûlé bei seinem Exfreund ab, dem Schuhdesigner Patrick Cox, der ihm das Geld für den Start von Wallpaper geliehen hatte. Der erste Teil des Satzes, der mit dem Aussehen, der trifft dagegen zu: Brûlé hat frisch geschnittenes dunkles Haar

ist gepflegt unrasiert

und trägt nur edelste Marken am trainierten Körper - Hemd von Helmut Lang, Hose von Filippa K, Schuhe von Prada. Dabei ist das in seinem Fall gleichgültig: Seine Fauxpas, wenn er denn welche beginge, würden augenblicklich zum letzten Schrei. "Tyler trug eine Hose, die fünf Zentimeter über dem Knöchel aufhörte

hat er einen miesen Schneider?", schrieb mal einer im Daily Telegraph, um sich selbst gleich die Antwort zu geben: "Unmöglich, es muss das Nonplusultra der Hosenmode sein!"

In 43 Ländern, von Schweden bis Singapur, blättern die Käufer Wallpaper durch und erfahren alles über die gefragtesten Wohnadressen, angesagtesten Architekten und stilvollsten Firmenkantinen. In Deutschland werden von dem zehnmal jährlich erscheinenden, 18 Mark teuren Magazin rund 5000 Exemplare verkauft. Die Gesamtauflage beträgt 130 000, bei einer zweistelligen Zuwachsrate und einem Umsatz von 40 Millionen Mark im letzten Jahr. Gewinn wirft das Blatt noch nicht ab, was für ein junges Printprodukt nicht unüblich ist. Wallpaper gilt aber zumindest den Time-Warner-Managern als besonders vielversprechend und soll zur Lizenz zum Gelddrucken werden. Denn es spricht eine Käuferschicht an, die Marketingmenschen Freudentränen in die Augen treibt: 25- bis 40-jährige, bestverdienende, markenbewusste Hedonisten, die ihre Freizeit mit ihren Kreditkarten und der Suche nach den "modischsten Kleidern, den heißesten Möbeln und dem coolsten Auto" verbringen (O-Ton Verkaufsprospekt). Die redaktionelle Stilpolizei lehnt Anzeigen ab, wenn sie ihren ästhetischen Vorgaben nicht genügen: Lieber auf 28 000 Mark verzichten als eine hässliche Seite drucken. Nun hat Tyler, nach zahllosen "Was hältst du von meinem Logo, Tyler?"-Anfragen, die Werbeagentur Wink gegründet. Jetzt stellt er eine Rechnung aus, wenn jemand wissen will, ob ihm etwas gefalle.

Brûlé hat kein Problem mit seiner Frankenstein-Rolle als Chefredakteur, Anzeigenverkäufer und Werber. "Wenn ich in Heathrow eine Landekarte ausfülle, schreibe ich immer noch, Beruf: Journalist." Letztmals griff er zum Thema "Design in Libyen" in die Tasten.

Gegenwärtig sitzt er an der zweiten Ausgabe seines neuesten Wurfes, der Sport-Illustrierten Line, die im Oktober erscheinen wird. Der Titel Wallpaper wird übrigens immer mit Sternchen gedruckt - "Wallpaper * "

weil das so an die sehr angesagte Prilblümchen-Ästhetik der Siebziger erinnert. Line kommt stets unterstrichen daher - "Line". Wallpaper führt den Untertitel Die Dinge, die uns umgeben

bei Line, Linie, steht Cross it - überschreite sie. Welche Linie überschreitet Line? "Line ist die erste sportfreie Sport-Illustrierte", spottet der Scotsman und findet, das Heft bringe zu viele Bilder und zu wenig Tipps, wie der Leser beispielsweise sein Tennis verbessern könne. "Line-Leser wollen keine Tipps, sie haben persönliche Trainer", kontert Brûlé. Touché.

Die Reportage über Rasen-Bowling in Neuseeland hingegen überschreitet eher die Linie der Langeweile: Acht zugegebenermaßen stilvolle Seiten zum vielleicht langweiligsten Sport der Welt - ein Gähner. Dabei liegt Sport Brûlé näher, als Kritiker meinen: Er spielt Tennis, fährt Rad und Ski.

Letzteres bewog ihn sogar zu dem Vorhaben, sein geliebtes London zu verlassen und in die Schweiz zu ziehen. "Ich musste mein Leben neu erfinden." Wenn er auf die Schweiz zu sprechen kommt, gerät er ins Schwärmen: "Ich liebe Zürich.

Die Lebensqualität, Geschäfte, Bars, Restaurants - alles unerreicht." In London dagegen lebt er nach der Devise "Home sweet home" und verbringt die Abende in seiner Wohnung. "Wo soll ich hin? Hier gibt's keine Klassiker, bloß die Bar der Woche, von der morgen bereits keiner mehr redet." Mit dem Zürich-Plan hat es dann doch nicht geklappt. Stattdessen hat er sich ein Ferienhaus in Schweden gekauft. Prompt entstand das Gerücht, er habe sich eine ganze Insel gegönnt. Auf der Website wallpaper.com kann man das "Wallpaper-Haus" am Fjord jetzt auch besichtigen.

Fühlt sich Tyler Brûlé vom Leben noch herausgefordert, oder will er auch die kommenden Jahrzehnte als Chefredakteur verbringen? "Sicher nicht", antwortet er prompt. Allenfalls als Chef eines neuen Nachrichten-Magazins. "Global, selbstverständlich."

Noch lieber aber möchte er abheben und - wie sein Vorbild Richard Branson, der Virgin-Boss - eine Fluggesellschaft gründen.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 33/2000
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