Warum spielen sie noch? Schon 94 Minuten beharken sich die alten Rivalen: Lok Leipzig und der BFC Dynamo, der Stasi-Club, der Hassverein des DDR-Fußballs. Schiedsrichter Stumpf aus Jena pfeift einfach nicht ab.

Lok-Regisseur Liebers hat er vom Platz gestellt, weil der beim Freistoß aus der Mauer trat. Lok-Kapitän Baum wankt nach Tritt ins Gesicht als Kopfmumie über den Acker, aber immer noch führt seine Mannschaft 1 : 0. Dreizehntausend Leipziger brüllen den Schlusspfiff herbei. Noch einmal flanken die Berliner.

Abgewehrt, neue Flanke, und urplötzlich liegt, wohl vom Winde gefällt, im Lok-Strafraum der Dynamo-Spieler Schulz. Jetzt pfeift Stumpf: Elfmeter.

Dieser Pfiff ist zur Legende geworden. Für ungezählte Ostfans kulminierte in diesem Spiel die Fußballgeschichte der späten DDR. Seit 1979 war der BFC ununterbrochen Meister geworden - beileibe nicht nur willfähriger Schiedsrichter wegen, aber immer wieder assistiert durch allerlei Parteilichkeit, die von Rostock bis Aue das Fußballvolk auf die Barrikaden trieb. Am 22. März 1986, um 16.49 Uhr, brach der Aufstand los. Wer nicht selbst dabei war, als das Leipziger Bruno-Plache-Stadion explodierte, der hörte doch den Radiodonner des Reportergottes Wolfgang Hempel: DAS DARF DOCH NICHT WAHR SEIN! Pastor verwandelte den Fallelfmeter, Abpfiff, Tumult, Schiri Stumpf floh in die Kabine. Reporter Hempel eilte ihm nach und bummerte an die Tür. Was gibt's? schrie Stumpf. - Zwei Fragen: Hättest du den Liebers auch vom Platz gestellt, wenn er BFCler wär? - Natürlich! - Und diesen Elfer auch gegen den BFC verhängt? - Ja! - Dann traf ich Matz Liebers, erinnert sich Hempel. Mensch, biste zu retten, hab ich gesagt. Gelb hattste schon und trittst beim Freistoß dreimal aus der Mauer! - Was, wer, ich? Gar nicht, niemals, nischt gemacht! - Der war noch so in Rage, der war wie weggetreten nach diesem Spiel.

Volker Nickchen, zweiter Mann des DDR-Fußballverbandes DFV, spricht auf der Pressekonferenz in erbitterte Gesichter, diese Schiedsrichterleistung müsse Konsequenzen haben. So liest es dann die Republik, und so kommt es. Stumpf wird gesperrt. Der BFC holt freilich abermals den Titel - zwei Punkte vor dem 1. FC Lok. Das Volk brüllt weiter SCHIEBERMEISTER, registriert allerdings, dass künftig kaum noch pro BFC gepfiffen wird. Bernd Stumpf bleibt verschwunden. Dann verschwindet die gesamte DDR. Die Legende überlebt: der Schandelfmeter von Leipzig und wie der Volkszorn Mielkes Schiri fraß.

So wäre alles in schönster Gedenkordnung, hätte nicht unlängst Bernd Stumpf bei Sport im Osten via MDR ein Video präsentiert. Damals vom BFC zu Trainingszwecken aufgenommen, zeigt es die berühmte Szene aus anderer Perspektive. Wieder segelt der Ball herein, wieder springt Schulz, aber siehe, hinter ihm steht Leipzigs Mittelstürmer Richter und schiebt Schulz mit beiden Händen unter der Flanke hindurch. Diese DDR-Geschichte muss wohl neu geschrieben werden.

Drei Wahrheiten werden wir finden - eine Berliner, eine Leipziger, die dritte in einem Jenaer Kellergelass. Eine vierte Wahrheit ist im Sommer 1989 republikflüchtig geworden