U S - W A H L K A M P F Der Technokrat

Albert Gore, der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, wäre sicherlich ein großartiger EU-Kommissar

Washington

Der Wahlkampf Abert Gores um das Amt des US-Präsidenten hat einen alten Washingtoner Spruch wiederbelebt: Die Hunde fressen das Hundefutter nicht. Seit der Erfindung des Fernsehens werden amerikanische Politiker wie Produkte aus dem Supermarkt beworben. Joseph Kennedy sagte 1960 über den Wahlkampf seines Sohnes John: "Wir werden John wie Seifenflocken verkaufen." Al Gore hat Amerikas beste Meinungsforscher, das cleverste message team und die kreativsten Fernsehproduzenten angeheuert, um ihn den amerikanischen Wählern zu "verkaufen". Dafür steht ihm mehr Geld zur Verfügung als jedem anderen demokratischen Kandidaten zuvor. Überdies krönte er eine eindrucksvolle Karriere im Kongress damit, dass er während der wirtschaftlich erfolgreichsten Regierungsperiode der amerikanischen Geschichte Bill Clinton als Vizepräsident diente. Und dennoch lag Gore bei seinem Einzug auf dem Parteitag der Demokraten in Los Angeles diese Woche in den Meinungsumfragen noch immer hinter seinem Rivalen, Gouverneur George W. Bush aus Texas. Warum fressen die Hunde bloß das Hundefutter nicht?

Daran, dass Gore sich außerhalb des ideologischen Mainstreams bewegte, kann es jedenfalls nicht liegen. In Wirtschaftsfragen steht er ein wenig links von Clinton. Als Kongressabgeordneter stimmte er gegen Ronald Reagans Steuersenkungen. Es war Vizepräsident Gore, der als Erster Clinton eine Steuererhöhung für Großverdiener vorschlug - der zu Recht ein Anteil an der Senkung des Haushaltsdefizits zugeschrieben wird. Doch Gore drängte Clinton auch, das Gesetz zur Reform der Sozialhilfe von 1996 zu unterzeichnen, das im Vermächtnis dieser Regierung die äußerste rechte Grenze markiert.

In Militärfragen befürwortet er ein starkes, interventionistisches Amerika. Als Student in Harvard hatte er den amerikanischen Antikommunismus noch für einen "nationalen Wahn" gehalten. Doch nach seiner Dienstzeit in Vietnam kam Gore zu der Ansicht, dass "die Kriegsgegner, ich selbst eingeschlossen, nicht genügend berücksichtigten, dass es eine ganze Menge Südvietnamesen gab, die das, was sie Freiheit nannten, behalten wollten". Gore war einer von nur zehn Demokraten im Senat, die 1991 den Golfkrieg gegen den Irak unterstützten, und war - schon vor Srebrenica und dem Abkommen von Dayton - derjenige, der in Clintons Weißem Haus am lautesten für Militärmaßnahmen gegen Slobodan Milocevic plädierte. Unter denen in seiner Generation, die in die Politik gingen, gehört der 52-jährige Gore zu denBegabtesten. Das Problem ist nur, dass seine Begabung nicht die Politik ist.

Als Sohn von Albert Gore senior, einem mächtigen liberalen Senator aus dem Süden, und seiner Frau Pauline Gore, einer Dame der Gesellschaft, wuchs Gore im feinen Fairfax Hotel in Washington auf. Pauline gab ihrem Sohn zwei denkwürdige Ratschläge mit auf den Weg. Erstens eine Regel für Fernsehdiskussionen: "Lächeln, entspannen, angreifen." Zweitens eine Warnung vor schlechter Gesellschaft: "Bill Clinton ist kein netter Mensch, verkehre nicht zu eng mit ihm." Beide schlug er in den Wind. Gore ging in die Politik, wie man in einen Familienbetrieb gehen würde, nämlich ohne sich erkennbar Gedanken gemacht zu haben, ob sie überhaupt seinen Neigungen entsprach.

Diese Neigungen waren religiöser und intellektueller Natur. Nach seinem Dienst in der Armee (den er ableistete, trotz schwerer Bedenken wegen Vietnam, um die politische Karriere seines Vaters nicht zu gefährden) studierte er Theologie, arbeitete danach fünf Jahre als Reporter des Nashville Tennessean, studierte weitere zwei Jahre Jura, um sich dann, 1976, mit 28 Jahren in den Kongress wählen zu lassen. Gore ist ein Südstaaten-Baptist und behauptet, Ende der siebziger Jahre eine religiöse "Wiedergeburt" erlebt zu haben.

Doch mit den umstrittenen ideologisch-moralischen Kernfragen der amerikanischen Politik hat er sich nie recht wohl gefühlt. Im Herzen ist er ein Technokrat. Er begann seine Karriere im Kongress als überzeugter Abtreibungsgegner ("Es ist meine tiefe persönliche Überzeugung, dass Abtreibung Unrecht ist", schrieb er Ende der siebziger Jahre einem Wähler); Mitte der neunziger Jahre war diese tiefe Überzeugung der nicht weniger tiefen Überzeugung gewichen, dass Abtreibung allen amerikanischen Frauen möglich sein sollte, auch noch im neunten Monat einer Schwangerschaft.

Dieser Wandel ist kein Zeichen von Wankelmut, sondern von Langeweile. Gores Ruf als "gemäßigter" Demokrat gründet nicht auf seinen Überzeugungen, sondern auf seiner Abneigung gegen die "Kulturkriege", jenen Streitfragen-Komplex von Abtreibung bis hin zu Drogen, der den glühenden Brennpunkt der amerikanischen Politik bildet. Was Gore begeistert, sind seine schrulligen intellektuellen Interessen. Seine Detailbesessenheit ist legendär; seinen tiefsten Eindruck als Abgeordneter hinterließ er bei Anhörungen, in denen er Zeugen befragen und mit seiner Sachkenntnis glänzen konnte - etwa wenn es um Gesundheitsfürsorge, Waffen oder die globale Erwärmung ging.

Als Senator während der Amtszeit Reagans machte er sich - durch monatelanges mühevolles Aktenstudium - zum Experten für Rüstungskontrolle und verhandelte mit dem Weißen Haus über eine Reduzierung des Programms zur Stationierung von MX-Raketen. Seine Einsichten waren zuweilen genial, sogar poetisch, wenn er die Supermächte beim atomaren Wettrüsten mit eifersüchtigen Liebhabern verglich - bei denen "eine einzige blanke Tatsache wilde Fantasien nähren kann". Am Ende aber ließ er sich von Reagans Leuten über den Tisch ziehen mit dem Ergebnis, dass die Front der Demokraten in der Raketenfrage zerbrach. In einem Gespräch mit Nicholas Lemann vom New Yorker bemühte Gore Begriffe aus der Physik, der Spieltheorie und der Theologie, um dem Journalisten zu erklären, wie ungeheuer wichtig ihm der Unterschied zwischen Metapher und Metonymie sei.

Manche sehen ihn als Genie, andere als Spinner. Beides stimmt

Diese autodidaktische Ader hat wohlgesinnte Beobachter veranlasst, ihn mit den amerikanischen Gründervätern zu vergleichen, während die weniger wohlgesinnten ihn für einen Spinner halten. Beide Ansichten haben etwas für sich. Höhepunkt der intellektuellen Entwicklung Gores war sein 1991 erschienenes Buch Wege zum Gleichgewicht, ein cri de c“ur über die weltweite Zerstörung der Umwelt. Gore war der erste amerikanische Politiker, der wegen der globalen Erwärmung Alarm schlug, und alle wissenschaftlichen Untersuchungen der letzten zehn Jahre haben ihm Recht gegeben. Sein Buch ist voller innovativer politischer Vorschläge, beispielsweise der debt-for-nature swap, bei dem Länder der Dritten Welt ihre Auslandsschulden gegen Emissionsreduzierungen erlassen bekommen sollten.

Doch in all seinen Schriften steckt der Extremismus, der den amerikanischen Autodidakten kennzeichnet. Gore kümmert sich nicht einfach um die Umwelt; er sagt, die Sorge darüber solle das "neue zentrale Organisationsprinzip der Zivilisation" sein. Er sorgt sich nicht einfach um die globale Erwärmung, er nennt sie "eine ökologische Kristallnacht". Gore weiß mehr über Ökologie als jeder andere amerikanische Politiker, doch er hat nichts unternommen, um einen politischen Konsens darumzuschmieden. Die Prognosen der Regierung Clinton zur Fähigkeit der USA, das Klimaschutzabkommen von Rio zu erfüllen, sind noch weniger optimistisch als die der Regierung Bush.

In demokratischen Kreisen herrschen Kummer und Verzweiflung darüber, dass Gores scharfer Intellekt und der entspannte Humor, den er im kleineren Kreis offenbart, der Masse der Wähler nicht zu vermitteln sind. Auch dieses Scheitern ist auf Gores mangelnden politischen Instinkt zurückzuführen. Auf einer bestimmten Ebene hasst Gore die Politik: Anscheinend betrachtet er den Wahlkampf lediglich als eine unehrlichere Version des Alltagslebens.

Anders ist jedenfalls die Serie von Lügen, die dieser sonst so ehrliche Mann verbreitet hat, nicht zu erklären. Als einziger amerikanischer Politiker erkannte Gore schon vor über zehn Jahren die Bedeutung des Internet und initiierte 1989 das Gesetz über Hochleistungscomputertechnologie, was viel zur weltweiten Verbreitung dieser Technik beigetragen hat. Warum log er dann, als er behauptete, an der "Erschaffung des Internet" beteiligt gewesen zu sein?

Gore war einer von mehreren Studenten, denen Erich Segal in Harvard begegnete, als er dort Gastprofessor war und seinen Liebesroman Love Story schrieb. Warum behauptete Gore, er und seine Frau (Segal kannte sie kaum) seien die Vorlage für das Buch gewesen?

Gore half seinem Vater bei der Abfassung einer mitreißenden Rede auf dem Parteitag der Demokraten 1968; aber warum behauptete er, er habe dem Präsidentschaftskandidaten Hubert Humphrey bei seiner Rede geholfen?

Gore besaß den Mut, als erster Politiker der Babyboomer-Generation zuzugeben, dass er Haschisch geraucht hatte (und er hatte eine Menge davon geraucht, in Vietnam wie in Cambridge); warum versuchte er dann, Journalisten davon abzubringen, diese Geschichte zu verbreiten, nachdem er sie erzählt hatte?

Dieser artistische Umgang mit der Wahrheit wird Al Gore noch das Genick brechen. Als er 1998 insgesamt siebenmal erklärte, es gebe keine Rechtsgrundlage, um die telefonischen Spendenaufrufe strafrechtlich zu ahnden, die er von seinem Vizepräsidentenbüro aus geführt hatte, klang er wie ein Gauner, und seine Sympathiewerte fielen binnen zweier Monate von 49 auf 29 Prozentpunkte. Was umso verblüffender ist, wenn man bedenkt, dass Bill Clinton durch seine eigenen Winkelzüge keinerlei Schaden genommen hat.

Wie George Bush unter Reagan hat auch Gore es immer für eine Laune des Schicksals gehalten, dass er nur Vizepräsident und nicht Präsident wurde. Doch da irrt er. Gore fehlt Clintons Fähigkeit, sich in die amerikanische Wählerschaft hineinzuversetzen. Die fruchtlose Kampagne von Gores Frau Tipper gegen "obszöne" Rockmusiktexte im Jahr 1986 brachte die Spenden aus Hollywood für Gores Wahlkampf von 1988 zum Versiegen und bescherte dem Paar bei Anhörungen und Treffen mit Unternehmensvertretern peinliche Streitereien mit Frank Zappa und dem Rapper Ice-T. Im Bemühen, die Angelegenheit vergessen zu machen, prahlte Gore, seine Frau spiele Schlagzeug im Keller ihres Hauses im Nordwesten Washingtons, wenn die Kinder in der Schule seien. Doch das klang weniger cool als nach ehelicher Zerrüttung. Als seine Berater ihm vorwarfen, er sei nicht spontan genug, holte Gore sich Sprachtrainer und Choreografen - was könnte weniger spontan wirken? Wie einer seiner eigenen Berater zu einem Biografen sagte, ist Gore "einer, dem man beim Poker gern gegenüber sitzt".

Allmählich scheint es, dass George W. Bush dieses Urteil teilt. Der Eindruck drängt sich auf, dass Gore einen großartigen EU-Kommissar abgäbe. Ein Politiker wie er würde aufblühen in einer Umgebung, in der er sich auf technologische Innovationen, Umweltfragen oder Währungsangelegenheiten konzentrieren könnte - alles ohne das Hintergrundgeräusch von Wählern, die über Abtreibung, Flaggengruß und Schulgebete heulen. In Hochform ähnelt er den besten intellektuellen Politikern Europas, Joschka Fischer oder Hubert Védrine. Kurz, Al Gore ist womöglich der größte europäische Politiker, den die Amerikaner haben. Doch nur wenige Amerikaner betrachten dies als eine wesentliche Qualifikation für den Job des Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Christopher Caldwell ist leitender Redakteur des Wochenmagazins "Weekly Standard".

Deutsch von Eike Schönfeld

 
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