Z E I T G ES C H I C H T E Ideologisierter Holocaust?

Was Norman Finkelsteins Vorwurf für die deutschen Gedenkstätten bedeutet

Ende Juli ist in London und New York ein Buch erschienen, das offensichtlich Furore machen soll und in den ersten Wochen nach seinem Erscheinen auch schon gemacht hat. Der New Yorker Zeithistoriker und Politikwissenschaftler Norman G. Finkelstein greift die großen jüdischen Organisationen in den USA, die die nationale und internationale Holocaust-Diskussion wesentlich bestimmen und als Sachwalter der Überlebenden des Holocaust auftreten, frontal an und wirft ihnen vor, eine "Holocaust-Industrie" entwickelt zu haben, die - "aus Macht- und Profitgründen" - der systematischen Ausbeutung des jüdischen Leidens in der Zeit des nationalsozialistischen Terrors und Völkermords gewidmet sei.

Das Buch The Holocaust Industry. Reflections on the Exploitation of Jewish Suffering umfasst ganze 150 Seiten. Es ist für ein breites Publikum geschrieben und will provozieren. Der Autor, dessen Eltern zu den wenigen Überlebenden des Warschauer Ghettos und anderer nationalsozialistischer Lager gehörten, leugnet nicht den Mord an den europäischen Juden, er ist vielmehr der Meinung, dass das wahre Geschehen durch das, was er die "Holocaust-Ideologie" nennt, verdeckt und geradezu unkenntlich gemacht wird.

Zentrale Elemente dieser Ideologie sind für ihn die These von der Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit des jüdischen Leidens ("Einzigartiges Leiden verleiht einzigartigen Anspruch") und die These, dass der nationalsozialistische Judenmord die extreme Konsequenz eines irrationalen, ewigen Judenhasses in der Geschichte gewesen sei, was der Vorstellung Vorschub leiste, dass die Juden ständig von einem Holocaust bedroht seien und deshalb besondere (Verteidigungs-)Rechte beanspruchen könnten. Finkelstein, der auch ein Buch über den israelisch-palästinensischen Konflikt geschrieben hat, ist davon überzeugt, dass die "Holocaust-Ideologie" eine bewusste Instrumentalisierung des jüdischen Leidens zugunsten der Politik des Staates Israel gegenüber den Palästinensern und den arabischen Staaten bedeutet.

Vor allem aber tadelt er die großen jüdischen Organisationen in den USA (er spricht missverständlich immer von den "jüdischen Eliten"), von dem American Jewish Committee über den Jewish World Congress, die Anti-Defamation League, die Jewish Claims Conference, die World Jewish Restitution Organization bis zum Simon Wiesenthal Center. In immer neuen Attacken wirft er ihnen vor, dass sie ihre eigenen Macht- und auch Profitinteressen in den Vordergrund stellen und die wenigen noch überlebenden Opfer für ihre Zwecke benutzen. Dabei kritisiert er die Einkünfte führender Funktionäre ebenso wie die Praxis der Entschädigungskampagnen gegen die Schweiz und Deutschland, inzwischen auch Polen.

Vieles von dem, was Finkelstein schreibt, ist nicht neu, sondern von so unterschiedlichen Autoren wie Raul Hilberg, Ismar Schorsch und vor allem Peter Novick (1999) formuliert worden. Neu ist dagegen die Radikalität, mit der die kritischen Ansätze gebündelt werden, die offensichtliche moralische Empörung, mit der die Manager und Ideologen der "Holocaust-Industrie" angeklagt werden. Finkelstein liegt nichts an Differenzierungen, nichts an Grautönen. Er ist einseitig und will es sein. Von den unbestreitbaren großen Verdiensten der jüdischen Organisationen, von den beeindruckenden Leistungen vieler ihrer Repräsentanten ist nicht die Rede. Auch wird der polemische Begriff der "Holocaust-Industrie" nirgendwo präzise definiert. Hinsichtlich des nationalen Holocaust-Museums in Washington wird zwar gegen bestimmte politische Implikationen der Museumspläne polemisiert, von der Realität des Museums, seinen Ausstellungen, seinen Sammlungen und seinen Forschungen ist dagegen nicht die Rede.

So richtig es ist, auch von anderen historischen Katastrophen und ihren Opfern zu sprechen, so schief fallen manche Vergleiche mit den Ureinwohnern Amerikas und mit der Sklaverei in Amerika aus (der Verfasser behauptet allen Ernstes, dass Hitler "seine Eroberung des Ostens nach dem Muster der amerikanischen Eroberung des Westens" durchführte oder dass "die Sklaverei annähernd den gleichen Platz im moralischen Universum des späten 19. Jahrhunderts einnahm wie der von den Nazis verübte Holocaust heutzutage"). Und wenn am Ende des Buches erklärt wird, dass "die Abnormalität des Nazi-Holocaust nicht dem Ereignis selbst, sondern der ausbeuterischen Industrie entspringt, die sich darum entwickelt hat", scheint es dem Autor nur noch darum zu gehen, Krawall zu machen. Finkelstein hat zu den schärfsten Kritikern von Daniel Goldhagens Buch über Hitlers willige Vollstrecker gehört, hinsichtlich der Methode, mit gewagten Thesen und extremen Formulierungen auf sich aufmerksam zu machen, erscheint er jedoch als sein gelehriger Schüler.

Polemik für ein amerikanisches Publikum

Finkelsteins Thesen sind in erster Linie an ein amerikanisches Publikum adressiert und werden vor allem dort diskutiert werden. Es wäre gut, wenn es dabei nicht nur bei einem polemischen Schlagabtausch bliebe, sondern eine ernsthafte und klärende Debatte zustande käme. Diskussionen wird es aber auch in Europa und insbesondere in Deutschland geben. Vermutlich werden sie weniger über die Entschädigungsfragen geführt werden als vielmehr über die Grundfragen von Politik und Moral im Umgang mit dem nationalsozialistischen Mord an den europäischen Juden.

Zwar hat sich unter Fachleuten die Ansicht durchgesetzt, dass der Judenmord nicht isoliert behandelt werden darf, sondern im Kontext der rassistischen Verbrechen des NS-Systems insgesamt gesehen werden muss: von den "Euthanasie"-Morden und der "Ausmerze" der "Gemeinschaftsfremden", das heißt der "rassenpolitisch" Unerwünschten, über die Ausrottung der polnischen Intelligenz, den Mord an den sowjetischen Kriegsgefangenen, die "Dezimierung" der "überflüssigen" sowjetischen Zivilbevölkerung bis zu dem Mord an den Zigeunern. Doch besitzt im historisch-politischen Bewusstsein der Deutschen der Mord an den Juden weiterhin einen besonderen, zentralen Stellenwert. Nur mit ihm ist die Vorstellung von einem "Zivilisationsbruch", von einem Absturz der modernen, zivilisierten Gesellschaft in Deutschland verbunden. Dafür gibt es gute Gründe, aber es dürfte bei dem heutigen Kenntnisstand durchaus sinnvoll sein, ernsthaft zu diskutieren, ob der "Zivilisationsbruch" nicht durch die rassistischen NS-Verbrechen insgesamt verursacht ist. Für solche Überlegungen sind allerdings intellektuelle Offenheit und Behutsamkeit erforderlich, nicht rasche Polemik.

Wird in Deutschland schon zu viel erinnert?

Dass es in Deutschland eine "Holocaust-Industrie" jüdischer Organisationen gebe, wird im Ernst niemand behaupten wollen. Aber ein Historiker und Journalist wie Götz Aly hat vor einiger Zeit geglaubt, vor einer "Inflation des Gedenkstättenwesens" warnen zu müssen, und Aleida Assmann und Ute Frevert haben ihrem Buch über den Umgang mit der NS-Vergangenheit seit 1945 den Titel Von der Geschichtsvergessenheit zur Geschichtsbesessenheit gegeben. Auch in den langen Diskussionen über das in Berlin zu errichtende "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" ist die Befürchtung geäußert worden, dass man zu viel und nicht zu wenig tue.

Tatsächlich gibt es in Deutschland heute eine reiche, sich noch immer weiter ausdifferenzierende Erinnerungs- und Gedenklandschaft, die das Wissen über die nationalsozialistischen Verbrechen und ihre Opfer wach zu halten versucht. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat inzwischen rund 2000 solcher Orte gezählt, die von den großen KZ-Gedenkstätten bis zu kleinen lokalen Gedenksteinen reichen. Die meisten dieser Einrichtungen sind seit den achtziger Jahren aufgrund von Bürgerinitiativen entstanden und sind auch heute noch durch dieses Bürger-Engagement geprägt. Sie sind Orte der konkreten Auseinandersetzung mit der Geschichte und können sich in aller Regel nicht über mangelndes Interesse beklagen. Solange das so ist, sind diese Orte nötig und keineswegs überflüssig. Es gibt dabei keine einseitige Fixierung auf die Verfolgung der Juden, obwohl die Orte jüdischer Geschichte und jüdischen Leidens eine wichtige Rolle spielen. Auch von "Industrie" oder "Macht" kann kaum die Rede sein, obwohl die Bundesregierung mit ihrer vom Bundestag bestätigten "Gedenkstättenkonzeption" inzwischen zusätzliche Mittel für den Ausbau von Einrichtungen mit überregionaler Bedeutung zur Verfügung stellt.

Aber wie ist es in Berlin und Brandenburg? Hier gibt es die großen KZ-Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück, die Topographie des Terrors, das Haus der Wannseekonferenz und die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, dazu viele Denkmale und kleinere Gedenkorte in den Berliner Bezirken. Dazu kommt nun das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das seit 1988 von einer Bürgerinitiative gefordert und im Sommer 1999 vom Deutschen Bundestag beschlossen wurde. Es wird südlich des Brandenburger Tores nach einem Entwurf von Peter Eisenman errichtet und um einen unterirdischen "Ort der Information" ergänzt werden. In unmittelbarer Verbindung zu dem Denkmal stehen zwei weitere Einrichtungen: das Jüdische Museum in dem von Daniel Libeskind entworfenen Gebäude, das vom Januar nächsten Jahres an eine Bundeseinrichtung sein wird, und der Neubau der Topographie des Terrors von Peter Zumthor, der von Berlin und dem Bund gemeinsam finanziert wird.

Ist das zu viel? Sind hier, wie Henryk Broder angesichts der Denkmalsentwürfe boshaft im Spiegel formulierte, "die Hoch- und Deutschmeister der organisierten Trauerarbeit" tätig? Also vielleicht doch eine "Holocaust-Industrie"? Solche Befürchtungen mögen nahe liegen, sind aber bei genauerem Hinsehen unbegründet. Es ist richtig und nötig, dass mit der Rückverlagerung der Hauptstadtfunktionen nach Berlin ein weithin sichtbares Zeichen gesetzt wird, dass man sich der Verbrechen, die von der deutschen Hauptstadt ausgingen, bewusst ist, dass man sich der NS-Geschichte stellt und ihr nicht verlegen ausweicht.

Deshalb ist das Denkmal notwendig. Es hätte ein Denkmal für alle Opfer des nationalsozialistischen Terrors sein können, und von nicht wenigen ist das, in der Regel sehr spät, gefordert worden. Die Bürgerinitiative wollte ein Denkmal für die ermordeten Juden, sie hatte sehr gute Gründe dafür, und die öffentliche Meinung wie auch die Politik sind diesem Vorschlag gefolgt. Es gab in dieser Hinsicht keinerlei Druck jüdischer Organisationen. Das Denkmal ist, ungeachtet aller Irritationen, die es immer wieder gab, ein Ergebnis der öffentlichen Diskussion und der Entscheidung der verantwortlichen politischen Institutionen in Deutschland. Im Bundestag gab es bei der entscheidenden Abstimmung keinen Fraktionszwang.

Wer das Denkmal besucht und danach mehr wissen möchte über die Kultur und Geschichte, die mit dem Mord an den europäischen Juden zerstört wurden, wird das Jüdische Museum in der Lindenstraße aufsuchen. Hier wird die jüdische Geschichte in Deutschland nicht als eine Vorgeschichte ihrer Katastrophe - also nicht als "Holocaust-Geschichte" - dargestellt werden, sondern als eine Geschichte jüdischer Begabungen, Interessen und Leistungen in der deutschen beziehungsweise europäischen Gesellschaft, deren integraler Teil die Juden trotz aller Ressentiments und Behinderungen bis zum Beginn der NS-Herrschaft waren.

Wer mehr wissen möchte über die Täter und über die Gesellschaft, in der der Mord an den Juden möglich wurde, wird zur Topographie des Terrors an der unteren Wilhelmstraße beziehungsweise Niederkirchnerstraße gehen. Dort wird er über die Verfolgung und Ermordung der Juden, aber auch über andere Opfergruppen und das gesamte System aus Rassismus und Terror informiert werden. Berlin als die deutsche Hauptstadt braucht beides: die Auseinandersetzung mit dem NS-System und seinen Verbrechen und die Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte. Beides muss - und wird - unideologisch und sachorientiert, konkret und präzise geschehen.

Das Denkmal, das Jüdische Museum und die Topographie des Terrors werden im Zentrum Berlins den Willen bekunden, die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen und ihre Opfer auch für die nachwachsenden Generationen möglich zu machen. Die Tatsache, dass für alle drei Vorhaben herausragende Architekten gewonnen werden konnten, wird dazu führen, dass auch im Stadtbild die besonderen Anstrengungen deutlich sichtbar sind, die zur Erinnerung der NS-Verbrechen unternommen werden. Da Finkelstein immer wieder betont hat, dass ein "unideologischer" Umgang mit dem Holocaust auch in Zukunft wichtig sein wird, müsste selbst er mit den Entwicklungen in Berlin zufrieden sein.

 
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