L I T E R A T U R Beschreiblich weiblich

Sie schreiben doch! Frauenliteratur! Neue Ehre für ein verfemtes Genre

Eine Frau hat gerade eine Liebesbeziehung beendet. Eine Frau hat zum ersten Mal mit einem Mann geschlafen. Eine Frau lässt ihren Hund kastrieren. Eine Frau unterhält eine Affäre mit dem Mann ihrer Freundin. Eine Frau wird schwanger. Eine entbindet. Eine heiratet. Eine erfährt, dass ihr Mann sie betrügt. Eine geht auf den Strich.

Drei Bücher mit Erzählungen von Frauen. Sie heißen, sehr weiblich und sehr programmatisch, Hochzeiten und Die kleinere Hälfte der Welt. Das dritte besteht aus nur einer Erzählung mit dem Titel Majakowskiring, und prompt beschwerte sich bei der Präsentation des Buches am Berliner Majakowskiring ein Teil des Publikums, dass der Inhalt dem Titel nicht entspreche. Es war den Leuten zu wenig drin vom Majakowskiring und seinem DDR-Lokalkolorit und zu viel von den Privatangelegenheiten einer Frau. Sie hätten es eigentlich wissen müssen, denn dieselbe Autorin hat schon Bücher geschrieben wie Verführungen und Lisa's Liebe.

Man weiß sofort: Das ist Frauenliteratur.

Frauenliteratur hat einen schlechten Ruf und gilt als leicht erkennbar: Sie ist von Frauen geschrieben und handelt von dem, was Frauen beschäftigt, nämlich Mütter, Männer, Kinder. Keine Karrieren, keine große Erfindungen oder Weltentwürfe. Es geht um Erfahrungen; oder, geben wir's zu, um Beziehungen - und wenn es nur die zum Hund ist.

Frauenliteratur ist ein Etikett, das sich keine mehr aufkleben lassen will. Es erinnert allzu sehr an die siebziger Jahre, an die schlichte Prosa eines drängenden Anliegens, an Schlachtrufe wie "Schreib das auf, Frau!" und ähnliche Engagiertheiten, die im persönlichen Befinden die Auswirkungen des Politischen dingfest zu machen versuchten. Das Stichwort von damals hieß Innerlichkeit. Und im heutigen Kontext ist das fast gleichbedeutend mit Peinlichkeit.

Die Hierarchie der Peinlichkeiten hat sich in den letzten dreißig Jahren sehr geändert: Hinter den geschlossenen Gardinen der Ironie gilt auch richtiger Trash als amüsant. Der in den neunziger Jahren ausgebrochene Mut zum offensiv schlechten Geschmack wäre ohne stilvolle Verschleierung ja auch nicht möglich gewesen.

Peinlich ist nun in erster Linie das ernst gemeint Gefühlvolle. Aber "piep, piep, piep, ich hab euch alle lieb" darf man gerne sagen: Das ist ein Zitat, und noch dazu ein doppeltes, von Mielke und aus dem Kindergarten.

Nun macht seit einer Weile eine nicht unbedeutende Fraktion der Intellektuellen und Jungliteraten das Recht auf die authentische Träne geltend und auf die Wiederbelebung des Pathos. Langfristig wird dies die Hierarchien der Peinlichkeit wieder verschieben. Dass die Innerlichkeit dabei wieder zu Ehren kommt, wäre möglich. Dass die Frauenliteratur davon profitieren wird, ist eher unwahrscheinlich.

Literatur ist, wie das Vokabular und das Empfinden von Peinlichkeit, eine Frage von Moden. Man könnte, etwas freundlicher, auch sagen: kulturellen Strömungen.

Bücher, die Frauen über Frauenerfahrungen schreiben, verkaufen sich derzeit ausnehmend gut - solange sie nicht als Frauenliteratur bezeichnet werden. Ein kleiner Diminutiv kann da aber Wunder wirken.

Doch sind es höchstwahrscheinlich nicht nur das Fräuleinfoto auf dem Umschlag und das Fräulein selbst im Fernsehen, die die Leser anziehen, obwohl diese Marketing-Anstrengungen für die Verbreitung von Frauenliteratur ihr Gutes hatten. Es ist auch ein wieder erwachtes Interesse am kleinformatigen Erzählen, am Berichten aus der emotionalen Wirklichkeit, wie es auch Ingo Schulze oder Peter Stamm betreibt, das die Geschichten über Hochzeiten und Liebesmüh aus dem rezeptionellen Kontext weiblicher Innerlichkeitsliteratur herausgelöst hat. Diese Peinlichkeit jedenfalls ist passé, und das ist ein Glück für die schreibenden Frauen - und auch ihr Verdienst.

Eine Lektion über die Liebe in der Literaturgeschichte

Wenn man die Erzählbände der drei Autorinnen Marlene Streeruwitz, Jahrgang 1950 (Majakowskiring), Alissa Walser, Jahrgang 1961 (Die kleinere Hälfte der Welt) und Maike Wetzel, Jahrgang 1974 (Hochzeiten), in dieser Reihenfolge hintereinander liest, hat man den Eindruck einer gewissen Kontinuität - auch wenn die stilistischen Unterschiede erheblich sind.

Maike Wetzel schreibt ganz im Trend der derzeit gängigen Erzählhaltungen: cool bleiben und auf das Sichtbare vertrauen. Beziehungsweise auf das, was sich ohne Aufregung nebenbei und im Telegrammstil sagen lässt. "Er macht mir Angst", heißt das dann. Oder: "Sie hatte das Gefühl, etwas Wichtiges übersehen zu haben." Und: "Ich keife ihn an. Er geht, und ich bleibe (...). Kein Abschied."

Die Rede ist selbstverständlich von Beziehungen. Von heillosen und überflüssigen; das Wort unglücklich verbietet sich von selbst, denn es ist viel zu groß für diesen Zusammenhang. Oder zu peinlich.

Erzählt wird jeweils von einer Frau in der ersten und dritten Person. Sie hat einen Liebhaber, sie hat viele Liebhaber, sie hat eine Mutter, sie trifft Leute, sie ist in eine Frau verliebt, ihre Mutter heiratet, der Geliebte ist verheiratet.

Oder sie ist noch ein Kind, das seine Nachbarn beobachtet; oder eine alte Frau im Pflegeheim, die auf das Nachbarbett schaut. Es herrscht viel Abstand zwischen ihnen allen. Und es klingt alles sehr authentisch.

Maike Wetzel liefert Fragmente aus der Wirklichkeit, Dialogfetzen im Originalton; ihre Erzählungen sind Sequenzen, die vermuten lassen, dass die Story außerhalb des Buches irgendwie weitergeht, aber das ist sowieso klar, denn alles geht irgendwie weiter, und die Dinge passieren halt, egal.

So bewegen sich diese Geschichten auf der glatten und interpretationslosen Oberfläche eines Lebens, das keine Gestalt annehmen kann, oder höchstens eine, die sofort wieder zerfließt.

Das Ganze hat etwas von der Lakonie amerikanischer Short Storys nach Art des Raymond Carver, der ja zur Zeit in der deutschen Literatur viele Nachahmer findet. Nur dass bei Carver der Abgrund immer offen steht und die erzählte Oberfläche mit ihrer schwindelerregenden Transparenz nur darüber gespannt wird.

Hier aber herrscht die Geheimislosigkeit von Supermärkten vor, von Ikea und Pizzeria: da ist kein Mythos, nirgends, keine noch so kleine Erhebung oder Erhabenheit. Und der Abgrund ist eine Ebene, auf der alle mehr oder weniger gemächlich herumlaufen und die sich bis zum Horizont erstreckt.

Entsprechend horizontal ist die Sprache: wie eine Prärie. Kein Adjektiv, das nicht unbedingt sein muss, klar umrissen jeder Satz, Illusionen und Nebensätze überflüssig. Nur wenn es um Gefühle geht, rutschen und kippen die Texte ins Angestrengte: Es ist schwer, etwa von einer Verliebtheit zu erzählen, wenn man sie, oh Peinlichkeit, nicht zeigen will. Aber ihre emotionale Sparsamkeit schützt diese Texte vor der Trivialität und vor dem Innerlichkeitsverdacht.

Anders ist es bei Alissa Walsers Erzählungen, in denen es im Prinzip um dieselben Angelegenheiten geht: um Liebe, die keine ist, um Verführung, um die Macht dazu und das Zufällige daran. Doch hier steht jedes Ereignis in einem dunklen, mit Bedeutung aufgeladenen Kontext, der zwar nicht mitgeteilt wird, aber allemal mitzulesen ist - zwischen den Zeilen, in Schlüsselworten und Nebengeschichten.

Am deutlichsten wird diese zweideutige Erzählposition in der Geschichte Die Lust der Gans beim Gestopftwerden. Schon der Titel ist so vielsagend und sarkastisch wie der ganze Text. Zwei junge Mädchen fahren per Anhalter mit einem unbekannten Mann, dessen Absichten schnell klar sind. Die Ich-Erzählerin, hin und hergerissen zwischen Angst, Feigheit und voyeuristischem Interesse, beschreibt detailliert die unbeholfenen und fordernden Annäherungsversuche des Fremden, und die zweideutig positive Reaktion der Freundin - die plötzlich anfängt, von ihrem Vater zu erzählen, der eine gebratene Gans tranchiert und dabei sagt: "Gänse sind gierig. Fressen ohne Ende. Und überhaupt, was weißt du denn schon von der Lust der Gans beim Gestopftwerden. Gänse ... haben irre hohe IQs ..." So beschreibt sich das Mädchen selbst als Beute.

Alissa Walser, die Übersetzerin von Sylvia Plath, besitzt ein ausgesprochenes Gespür für das sexuell Aufreizende, aber auch das Bedrohliche und Gemeine, das sich hinter ganz gewöhnlichen Sätzen, Gesten und Umgangsformen verbirgt.

Das, was bei Maike Wetzel ganz selbstverständlich nach außen gewendeter Gestus ist, ein achselzuckender Zynismus, wird bei Alissa Walser in seiner Entstehung beschrieben, als schmerzhafter Prozess. Da wird nicht nur erzählt, was geschieht, sondern auch, was nicht geschieht; und inwiefern es immer anders ist, als es aussieht und noch einmal anders, als es hätte sein können. "Es" hat dabei fast immer erotische Bedeutung. Sex wird hier zur Chiffre für die Verfassung von Beziehungen schlechthin: ein Machtspiel, ein Kampf, in dem alles erlaubt ist, vor allem Schläge unter die Gürtellinie und Stiche ins Herz. Und es bleibt kein Zweifel daran, dass man sich dabei Verletzungen zufügt. Nur: Beschrieben werden sie nicht. Nicht so, wie es die literarischen Vorläuferinnen der siebziger Jahre häufig taten.

Der aggressive Impuls ist es, dem Alissa Walser am deutlichsten Ausdruck gibt; und zwar mit dem elegant geführten Instrument einer Sprache, die gewollte Derbheit mit feiner Andeutung kombiniert. Die Gefühle, die dunklen und heftigen, spielen hier die zentrale Rolle - und zwar gerade deshalb, weil sie wie hinter einem aufreizend durchsichtigen Schleier verborgen sind.

Die Erzählung Majakowskiring von Marlene Streeruwitz dagegen stellt Emotionen unverhüllt in den Vordergrund. Eine Frau von Anfang fünfzig sitzt im Gartenhaus der einstigen Villa von Otto Grotewohl in Ostberlin, sieht den Schatten beim Wandern zu und den Möbelstücken bei der Abnutzung. Dabei imaginiert sie Vorgänge in den Räumen, in denen sie sich jetzt, allein und in kaum unterbrochener Stille, aufhält. Ihre Gedanken kreisen um zwei Themen: die langjährige Liebesbeziehung, die sie vor kurzem beendet hat, und die deutsche Geschichte, die sich in diesem seltsamen, von DDR-Ästhetik und DDR-Geschichte imprägnierten Gartenhaus vergegenwärtigt.

Marlene Streeruwitz legt ihrer Figur dazu die artifizielle und rhythmische Sprache in den Mund, die mittlerweile ihr Markenzeichen geworden ist. Die Mühe des Sich-Hineinlesens in diesen so eigenen Sprachduktus lohnt sich: denn so irritierend diese Kurzsätze, diese syntaktischen Eigenheiten und Sprünge sind, so überzeugend sind sie als literarisches Mittel.

Die Erzählung spielt auf engstem Raum und umfasst doch eine ganze Biografie samt den zugehörigen Eltern und Liebhabern. Da ist dann Platz für die ganze Palette der Leidenschaftlichkeit: Verliebtheit, Bedrängtsein, Verlassenheit, Wut, Begehren und so weiter. Von solchen Gefühlen zu erzählen, die naturgemäß nicht originell sind, obwohl sie einem so vorkommen, ist eine der schwierigsten Aufgaben beim Schreiben. Was haben sich Autorinnen und Autoren da schon um Originalität bemüht und doch nur neue Maßstäbe in der Hierarchie der Peinlichkeiten gesetzt.

Marlene Streeruwitz findet einen Ausweg, indem sie den bei Liebesgeschichten allgegenwärtigen Kitschverdacht offensiv in ihre Erzählung hineinzitiert. So kam der kürzeste Lore-Roman der Literaturgeschichte zustande: "Lore." Hatte er gesagt. Und sie hatte ihn geliebt. Geliebt. Aber diese Liebe. Und dann wird sie weiter beschreiben, diese Liebe, die so authentisch klingt. Frauenliteratur.

Die drei Erzählerinnen lösen das ästhetische Problem - wie Lebenserfahrungen in lesbare Literatur gebracht werden können - auf sehr unterschiedliche und ziemlich generationsexemplarische Weise . Deshalb ist es auch so interessant, sie zusammen zu lesen: Es ist nicht nur eine Lektion über die Wahrnehmung der Liebe in verschiedenen Zeiten, sondern auch eine in Literaturgeschichte. So bieten diese drei Bücher Anlass genug, den geschmähten Begriff Frauenliteratur neu auf seinen Inhalt zu prüfen. Und dem Genre Frauenliteratur neuen Respekt entgegenzubringen.

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· Maike Wetzel:Hochzeiten. Erzählungen

128 S., 20,- DM

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· Marlene Streeruwitz:Majakowskiring

Erzählung; 111 S., 18,- DM

beide Collection S. Fischer, Frankfurt am Main 2000

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· Alissa Walser:Die kleinere Hälfte der Welt

Erzählungen; Rowohlt, Reinbek 2000; 109 S., 26,- DM

 
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