B A R E N T S S E E Die letzte Fahrt der Kursk
Die Havarie des russischen Atom-U-Boots offenbart das Desaster der Nordmeerflotte. Ihr fehlt das Geld - und der Auftrag
Vor dem Untergang kam die Aufmunterung. "Die Marine", sagte Präsident Putin Ende Juli, "war immer und bleibt das Symbol eines starken russischen Staates und eine Säule seiner Verteidigungskapazität." Diesen Spruch wird die Besatzung des gesunkenen U-Bootes Kursk wohl nur noch gallenbitter zitieren, wenn sie sich überhaupt noch daran erinnern kann. Das Atom-U-Boot übte in der Barentssee für ein geplantes größeres Manöver im östlichen Mittelmeer. Wladimir Putin will russische Präsenz demonstrieren und den Westen erinnern, dass das Mittelmeer kein Binnensee der Nato ist.
Die U-Boot-Waffe als Teil der Marine verkörperte schon im Kalten Krieg den Stahl gewordenen Anspruch der Sowjetunion, den USA überall auf den Weltmeeren Paroli zu bieten. Nuklear angetrieben, global einsetzbar und mit Atomraketen bewaffnet, war die Untersee-Flotte ein zentrales Instrument für sowjetische Weltmachtpolitik. Doch mit dem Zusammenbruch der Weltmacht UdSSR begannen die Instrumente zu rosten. Etwa 80 Prozent der russischen U-Boote und Kampfschiffe des Jahres 1990 fahren heute nicht mehr. Einige wenige wurden neu gebaut, darunter 1994 die Kursk. Doch die mangelhafte Wartung und die miserable Moral der Besatzungen treffen auch die relativ neuen Schiffe.
Moskauer Strategen zeigen sich unfähig, für die rostende Flotte ein neues Einsatzfeld zu umreißen, das der unausweichlichen Schrumpfkur Rechnung trägt. Stattdessen soll die Marine weiterhin: 1. Russlands Zugang zu den Weltmeeren garantieren, 2. Russlands Schiffen freie Fahrt sichern, 3. die Beherrschung eines Meeres an Russlands Grenzen durch eine fremde Macht verhindern. So hoch wie die Ansprüche, so dürftig bleiben die Leistungen. Das hat Gründe. Die Marine ist das Stiefkind des russischen Verteidigungsministeriums und des Generalstabs. Den Seestreitkräften fehlt der einflussreiche Fürsprecher in den Führungsstäben. In den bitteren Verteilungskämpfen der vergangenen Jahre waren die Admiräle meist unterlegen. Der wesentliche Kampf tobt zwischen dem Heer und den Raketenstreitkräften.
Russland muss seine Streitkräfte auf das Wesentliche reduzieren
In den vergangenen Wochen waren die erstaunten Russen Zeugen eines offenen Duells zwischen Verteidigungsminister Sergejew und Generalstabschef Kwaschnin. Der schneidige Tschetschenien-Feldherr Anatolij Kwaschnin forderte die Aufteilung der Atomraketenstreitmacht auf Marine und Luftstreitkräfte. Zugleich wollte er Geld für Nuklearraketen dem Heer zugute kommen lassen, das in Tschetschenien seit einem Jahr verlustreich gegen den selbst geschaffenen Feind kämpft. Dagegen begehrte Igor Sergejew auf, der als Exgeneral der Raketenstreitmacht seinen Mannen die Pfründen sichern will. Die nukleare Abschreckung, dröhnte Sergejew, sei Russlands einziger Knüppel, dessen Schwingen den Vereinigten Staaten noch Respekt abnötige. Kwaschnin hielt dagegen, Russland vernachlässige über dem kostspieligen nuklearen Balanceakt seine wirklichen Verteidigungsaufgaben. In Tschetschenien zeige sich der gefährlichste Feind des Vaterlandes, der "internationale Terrorismus". Diese mit tausend Mäulern züngelnde Hydra bedrohe die gesamte Südgrenze Russlands vom Kaukasus bis Zentralasien. Im Generalstab rechnet man mit einem baldigen Krieg an der tadschikisch-afghanischen Grenze.
Den Streit zwischen Ballistikern und Bodenstrategen entschärfte Wladimir Putin vorige Woche auf salomonische Weise: Er gab allen Recht und sicherte rundum Hilfe zu. Das fällt derzeit nicht schwer, da Russland einen ausgeglichenen Haushalt hat und der Finanzminister sich täglich unter der Petrodollar-Dusche erfrischt. Putin weicht der Entscheidung aus, die Aufgaben der Streitkräfte auf das Wesentliche zu reduzieren. Das Füllhorn zeigt in alle Richtungen - solange der Ölpreis nicht sinkt. Doch dass selbst der flüchtige Wohlstand nicht reicht, zeigt der Untergang der Kursk auf dramatische Weise.
- Datum 17.08.2000 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT
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