Der Stuttgarter Medizinhistoriker Robert Jütte schildert den Umgang mit Armut in einer Zeit, da sie noch als gottgegeben und unabwendbar galt. Er untersucht den Wandel des Armutsbegriffs, Ursachen und Ausmaß der Verarmung sowie Politik und Praxis der Armenfürsorge im Europa vom frühen 16.

Jahrhundert bis zur Französischen Revolution. Nur weniges in seinem Buch ist neu, doch macht seine komprimierte Darstellung Armutsprofile und Wohlfahrtspraxis aus der Zusammenschau verschiedener sozialhistorischer Bereiche deutlich - von Familie und Arbeit bis zu Kriminalität und Ausgrenzung.

Das Ausmaß der Armut lässt sich aufgrund lückenhafter Quellen und regionaler Schwankungen nicht genau bestimmen. Zudem blieben die Armen selbst meist stumm, eigene Aussagen zu ihrer Lebenssituation existieren kaum. Armut war eine Frage der Definition. Jütte verdeutlicht, dass die Entwicklung des Fürsorgesystems bereits im 16. Jahrhundert begann. Gezeigt wird, in welchem Maße sich die Einstellung zu den Armen unterdessen verändert hat. Das Recht der Armen auf Fürsorge und Arbeit wird nicht länger als Aufgabe einer staatlichen, bevormundenden Obrigkeit angesehen - soziale Sicherheit ist zum Anspruch des Einzelnen geworden. Dies geschah erst seit der industriellen Revolution in einem Prozess, den der Autor nicht mehr behandelt, für dessen Verständnis er aber den Hintergrund liefert.

Robert Jütte: Arme, Bettler, Beutelschneider. Eine Sozialgeschichte der Armut in der Frühen Neuzeit Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 2000 324 S., 68,- DM