Eigenartige Weichenstellung im Mutterland der Privatisierung: Der britische Vizepremier John Prescott hat gerade die neuen Lizenzen für private Eisenbahn-Betreiber vergeben - und im Mustervertrag mit Chiltern Railways spielt plötzlich der Staat wieder eine Rolle. Die Bahnbetreiber sollen einen Teil ihrer Gewinne an die Regierung abgeben, zwischen 10 und 50 Prozent. Das Geld wird dann ins Schienennetz investiert. Von freier Fahrt für freie Unternehmer kann offenbar immer weniger die Rede sein.

Mitte der neunziger Jahre war das noch anders: Die Tories hatten die alte Staatsbahn zerlegt und stückweise verkauft. Das Unternehmen Railtrack verwaltete fortan die Schienen, Signalanlagen und Stationen. Drei andere Firmen bekamen die Loks und Waggons, die sie an 25 Bahnbetreiber vermieten.

Die Lizenzen zum Betrieb von Bahnstrecken werden alle paar Jahre neu ausgehandelt. Bisher hat sich das System allerdings nicht sonderlich bewährt: Passagiere klagen über Verspätungen, überfüllte Waggons und schlechten Service, und Schienenbetreiber Railtrack ist mit der Instandhaltung deutlich überfordert. Das Schienennetz ist heute nach Ansicht von Bahnexperten in einem schlechteren Zustand als vor Beginn der Privatisierung. Erst Anfang August hatte die Eisenbahn-Aufsichtsbehörde "große Sorgen" wegen des schlechten Zustands des Schienennetzes geäußert.