97 Leitz-Aktenordner ließ Helmut Kohls Kanzleramtschef Friedrich Bohl bei seinem Auszug aus dem Amt im Herbst 1998 verschwinden. Aktenordner, in denen sich laut einem später gefundenen Inhaltsverzeichnis Material zu Themen wie "elf aquitaine/Thyssen" oder "Spendenunterlagen Fa. Ferrero" oder auch "Ermittlungsverfahren wg Verdacht von Schmiergeldzahlungen" befinden müsste.

Bohl hingegen beteuert, dass sie nur persönliche Unterlagen enthielten, weshalb er sie auch guten Gewissens der Konrad-Adenauer-Stiftung habe übergeben dürfen.

Ein Termin am Nachmittag des 4. August sollte Klarheit schaffen: Was ist drin in den Akten: Bohls Privatangelegenheiten - oder doch Regierungsdokumente, womöglich sogar brisante? Bohl hatte sich mit dem Sonderermittler des Kanzleramts in Sachen Aktenschwund, dem FDP-Politiker Burkhard Hirsch, zum gemeinsamen Aktenstudium verabredet.

Doch zu dem Treffen kam es nicht. Wie die ZEIT jetzt erfuhr, schickte Bohls Anwalt Hirsch einen Brief: Nachmittags sei die CDU-Stiftung leider geschlossen. Das Treffen wurde auf unbestimmte Zeit verschoben - ein Vorgang, der mindestens zwei Fragen aufwirft: Warum nur erschien Bohl ein Treffen mit Hirsch am Vormittag unzumutbar? Und: Was wird der frühere Kanzleramtschef mit den Akten, die aus seiner Sicht ja seine Privateigentum sind, alles angestellt haben, wenn Hirsch sie endlich zu sehen bekommt?

Von Friedrich Bohl sind auf solche Fragen keine Antworten zu bekommen. Er wolle sich "nicht mehr ständig rechtfertigen müssen", lässt er wissen. Nun könnte man von einer anderen Institution Aufklärung erhoffen: der Staatsanwaltschaft in Bonn, der Hirsch seine Ermittlungsergebnisse übergeben hatte. Sollte Bohl, was derzeit nicht bewiesen ist, wirklich Regierungsakten beiseite geschafft haben, wäre das wohl kriminell, Verwahrungsbruch, laut Paragraf 133 StGB mit Haft bis zu fünf Jahren bedroht. Doch zu solchen Ermittlungen, ist aus Bonn zu hören, bestehe derzeit kein Anlass.

Überraschende Begründung: Der Bundesregierung sei ja bekannt, wo die fraglichen Akten sich befänden, sodass sie der "dienstlichen Verfügung des Kanzleramtes nicht entzogen" seien.

Seit wann sich die CDU-nahe Stiftung im dienstlichen Verfügungsbereich des - zumindest derzeit - von der SPD okkupierten Kanzleramtes befindet, haben die Bonner Staatsanwälte bis heute nicht ermitteln können. B.S.