Los Angeles

Ein Jude, ein gläubiger gar, als Nummer zwei der Nation - in einem Job, der "nur einen Herzschlag von der Präsidentschaft entfernt ist", wie die klassische Formel lautet? Der Einzige, der es noch immer nicht richtig fassen kann, ist Joseph ("Joe") Lieberman selbst, der Senator von Connecticut, den sich Albert ("Al") Gore als Vizepräsidenten ausgeguckt hat. Das Land war überrascht, aber Lieberman noch mehr. Aufgewühlt, mit belegter Stimme pries er den Allmächtigen in seiner Dankesrede als "Vollbringer aller Wunder".

Siebenmal beschwor er Gott, bevor er das Wörtchen "Gore" in den Mund nahm.

Dieser Al Gore, der nun auf dem Demokraten-Parteitag für den Nummer-eins-Posten nominiert wurde, habe das göttliche "Wunder möglich gemacht", schwärmte Lieberman. Dann versuchte er, seine Aufregung mit einem Witz zu überspielen. Das Mirakel könnte man Freund Gore auf Jiddisch auch als "Chuzpe" auslegen, als dreistes Husarenstück, das ihn Stimmen kosten werde.

Falsch.

Sieht man ab von den antisemitischen Tiraden (auch auf Deutsch) in den Chatrooms von AOL oder Yahoo, dann war die Kür des Joe Lieberman ein meisterhafter Zug im strategischen Spiel um das Weiße Haus. So begeistert waren die Kommentatoren (von links bis rechts), dass Late Night-Impresario David Letterman witzelte: Viele Demokraten hätten Lieberman bedrängt, Gore zu feuern und den Wahlkampf alleine zu bestreiten.

Tatsächlich ist Gore mit Lieberman ein Wagnis eingegangen, das so viel Mut heischt wie das Überqueren einer verkehrsberuhigten Kreuzung bei grünem Licht. Die Umfragen brachten es alsgleich an den Tag. Drei von vier Wählern bewerten die Frömmigkeit des Vizekandidaten als Pluspunkt