So einen wie Heinrich und einen Heinrich wie diesen hat es in der deutschen Literatur noch nicht gegeben. Hut auf dem Kopf, Weste am Leib, Rucksack auf dem Rücken, wandert Heinrich Hampel, dreißig Jahre alt, Bettenverkäufer von Beruf, pfeifend zum Kontrollpunkt an der deutsch-deutschen Grenze. Vor nicht einmal einem Jahr wurde die Mauer gebaut.

Er flüchtet nicht etwa von Ost nach West, sondern umgekehrt von West nach Ost. Doch allein dieser abwegige Einfall macht das Buch noch nicht zu einem Überraschungscoup. Endlich mal ein Roman, der in unserem deutschen 20.

Jahrhundert spielt, aber dennoch kein Geschichtsroman sein will. Endlich mal eine lange, abwechslungsreiche Geschichte, die ohne einen einzigen Intellektuellen auskommt und sich dennoch nicht an das handfest zur Sache gehende werktätige Personal im Roman anbiedert, endlich mal ein Werk, das es wagt, einen großen Bogen um die Hauptstadt Berlin zu machen, ohne deswegen gleich den Geruch des Provinziellen anzunehmen.

Vor allem aber dies: Heinrich Hampel flieht von Regensburg nach Jena nicht aus politischer Überzeugung, er war einfach hoch verschuldet. Kapitalismus - das war zu viel für einen Mann, der im Jena der Vorkriegszeit seine Kindheit verbrachte, nach dem Krieg an der Seite seiner Eltern sechs Jahre Aufbauhilfe in Moskau zu leisten hatte, dann wieder in die frisch gegründete DDR zurückkam, um 1951 über die grüne Grenze in den Westen zu gehen. Dann das Jahr 1962, der Ausgangspunkt des Romans. Weil Heinrich fürderhin auch in der DDR mit Geld nicht umgehen kann, muss er wiederholt ins Zuchthaus. Am Ende verfällt er dem Suff, die Ehefrau geht zurück in den Westen, die Kinder wollen nichts mehr von ihm wissen, die Geschwister im anderen Teil Deutschlands antworten nicht und schicken nur noch die obligaten Pakete mit Bohnenkaffee, Rasierwasser, Niveaöl. Heinrich stirbt einen einsamen Tod.

Von all diesen Stationen im Leben des Heinrich Hampel erzählt der Roman mit großem epischen Atem. Michael Kumpfmüller erzählt keineswegs linear. Für ein unordentliches Leben kann es keine ordentliche Erzählform geben. Der promovierte Germanist Kumpfmüller weiß das. Dass der Leser bei seiner Lektüre gleichwohl nie einer liederlichen Gemütsverfassung verfällt, ist auf die gute Fasson des Erzählstils zurückzuführen, der recht altmodisch daherkommt, aber deswegen nicht weniger souverän anmutet. Keine falschen Metaphern, keine schiefen Bilder, keine aufgesetzten Symbole, kein aufgekratzter Satzbau - das will bei einem Debüt etwas heißen

der Einbau von wörtlichen Reden und Briefzitaten in den Text, ohne umständlich die Gänsefüßchenmethodik zu strapazieren oder den Fluss des Erzählens unnötig zu unterbrechen - perfekt.

Kumpfmüller erzählt rückblickend, vorausdeutend, zwei Schritt vor, einen zurück, stets kalkulierbar, unbeirrt von den politischen Ereignissen, die folgerichtig nur in Schlagzeilen vorkommen. Heinrich interessiert sich nicht für Politik, genauso wenig wie der Erzähler, dem es lästig ist, hie und da eine Zeitmarke zu setzen. Otto Grotewohls Tod, Ulbrichts Reden, der Bau des "antifaschistischen Schutzwalls", der VI. Parteitag 1963, die Beatles im Westen, Prag 1968, die Gründung der DKP, die Biermann-Ausbürgerung - all dies kommt kurz vor, aber für das Leben des durch die Zeiten taumelnden Heinrich sind politische Daten lange nicht so wichtig wie die zeitlos gepunkteten Kleider und karierten Röcke der Frauen, das bulgarische Parfum der Genossin Müller und die ungarische Gulaschsuppe von Ericona. Der Rauch der Geschichte kommt aus dem Auspuff. Citroën, Käfer, Opel Kapitän, Trabi, sie alle stehen für die Fahrt durch die Zeit.