Johannes Paul II. ist der Papst des Fernsehzeitalters. Der Katholizismus ist immer, im Gegensatz zu den wort- und gedankenlastigen Reformationskirchen, die Konfession der Bilder gewesen. Die Kunst des Barock war zu einem guten Teil visuelle Propaganda - religiöse Werbespots in Öl oder Freskomalerei. Karol Wojtyla hat die katholische Sinnlichkeit mit den Kommunikationstechniken der Moderne verbunden. Kein anderer Mensch in der Geschichte ist je von so vielen Zeitgenossen live erlebt worden, in einer endlosen, den ganzen Globus umspannenden Serie von Glaubens-Woodstocks. Und von niemandem sonst haben die Kameras Gesichtszüge, Gesten und Taten über so lange Zeit in alle Winkel der Erde elektronisch übertragen. Johannes Paul II.

hat es von Anfang an gewußt und zu nutzen verstanden, daß ihn die Fernsehteams auf Schritt und Tritt begleiten. Die Polen machten nur einen Bruchteil des Publikums seiner Polenreisen aus. Genauso wichtig war es, daß sich die Augen der Welt auf sein Heimatland richteten.

Die Präsenz des Papstes, wo auch immer, stellt Öffentlichkeit her, ob in Kuba oder in einem palästinensischen Flüchtlingslager und wer etwas zu verbergen hat, muß ihm den Zutritt verwehren, wie seit zwei Jahrzehnten das chinesische Regime. Die Freiheitsbewegungen der späten achtziger Jahre, nicht nur im Ostblock, sondern ebenso in Lateinamerika oder auf den Philippinen, sind auch Produkte einer Informationsrevolution gewesen, einer neuen Offenheit, die den Machthabern den Schutz des Geheimnisses raubt. Heute durchlöchern Satelliten-TV und Internet die Grenzen der letzten geschlossenen Gesellschaften, sie schlagen Breschen für den Nachrichtenaustausch von Menschenrechtsaktivisten und für die sanfte Verführungskraft des American Way of Life. Auch deshalb wird es, zum Schmerz des Papstes, ein Gottesbollwerk wie das alte Polen nicht mehr geben. Aber Johannes Paul II., der internationale Star und Global Player, hat selbst eifrig zu jener Universalzivilisation beigetragen, die keine abgeschirmten Sonderwelten, keine weißen Flecken auf der Karte mehr kennt. Der Telepontifex ist auch der Heilige Vater der Globalisierung.

Unerreicht und in einer Mediengesellschaft unbezahlbar ist sein Sinn für Gesten und Symbole. Schon die päpstliche Gestalt selbst hat diese Einprägsamkeit: ein einzelner, weiß gekleidet wie keiner sonst, der Fleisch und Blut gewordene Glaube von einer Milliarde Menschen. Was für ein Kontrast zum Funktionärsgewimmel irgendwelcher protestantischer Synoden! Diese Zeichenhaftigkeit und Konzentration hat Johannes Paul II. auch seinem Handeln mitzuteilen gewußt. Das Küssen des Bodens, wenn er als Reisender ein Land betritt, verbindet Demut und Besitzergreifung. Es kann auch als politisches Signal eingesetzt werden: Als sich Johannes Paul II. auf seiner Israelfahrt im Heiligen Jahr 2000 eine Schale mit Erde vom Arafat-Territorium reichen ließ, war das die päpstliche Legitimation eines Palästinenserstaats. Er hat die Muslime als "Brüder" angeredet und so mit einem einzigen Wort die Perspektive eines Religionsdialogs eröffnet. Er hat als erster Papst eine Synagoge besucht und an der Klagemauer in Jerusalem gebetet. Er versteht Spannung zu schaffen und mit perfektem Timing aufzulösen: Vor der Heiligsprechung Maximilian Kolbes stritten sich die Experten, ob der Franziskanerpater im strengen Sinne ein Märtyrer sei - er war in Auschwitz nicht als Christ oder Priester umgebracht worden, sondern hatte sich freiwillig geopfert, im Tausch für einen Mithäftling. Heilig ja, aber ein Blutzeuge des Glaubens? Am 10. Oktober 1982, als Johannes Paul II. die Kanonisierung vornehmen sollte und sich Hunderttausende vor dem Petersdom versammelt hatten, war noch immer keine Entscheidung bekannt. Dann öffneten sich die Türen der Kirche, der Papst trat auf den Platz, und er trug Rot, die Farbe der Märtyrer. Die Frage war beantwortet.

Die ganze Welt hat Johannes Paul II. zur Zeugin seiner Kraft gemacht. Jetzt, das ist der Preis, sieht sie ihn auch in seiner Schwäche. Stars haben kein Recht auf eine Privatsphäre, auf Schutz vor zudringlichen Blicken. Zwar ist das Leben der Päpste nie im bürgerlichen Sinne privat gewesen. Es war immer öffentlich, darstellerisch, rituell. Ebendeshalb aber kam es auf die Befindlichkeit des Darstellers wenig an die Rolle war wichtig, nicht der Akteur. Es ist gerade Johannes Paul II. gewesen, der mit dieser Art ritueller Öffentlichkeit gebrochen hat. Er wollte auch im Amt als Mensch kenntlich bleiben, unverwechselbar er selbst. Zugleich jedoch, oder besser: in eins damit, hat er sich den Medien anvertraut und preisgegeben. So ist ein merkwürdiges Gemisch aus Intimität und Omnipräsenz entstanden, das heute das Zittern, Stolpern und Nuscheln eines alten Mannes zum Anblick und zum Gesprächsgegenstand einer Zigmillionen zählenden Fernsehgemeinde macht. Daß sogar über seinen Rücktritt spekuliert wird, ist weder Taktlosigkeit noch eine objektive Konsequenz seines Gesundheitszustands. Es ist die logische Folge eines Pontifikats, das den Mann Karol Wojtyla und den Papst Johannes Paul II. bis zur Ununterscheidbarkeit verschmolzen und das Gesamtprodukt auf allen Kanälen vermarktet hat.

Hier der Papst - dort die Menge hier der einzelne, einzigartige - dort die unübersehbar vielen: das ist die Grundformel für den Live-Evangelisten wie für den Medienprofi Karol Wojtyla. Daneben steht, im äußersten Gegensatz zur Anonymität der Großeffekte, die in beispielloser Einstimmigkeit bezeugte Wirkung der Persönlichkeit, des Zwiegesprächs von Angesicht zu Angesicht. Für alles, was in der Mitte liegt, zwischen Massenmobilisierung und Seelendialog, zwischen Breitwandkino und Beichtstuhl, besitzt Johannes Paul II. wenig Sinn.

Es ist nicht nur sein Konservativismus, der ihn in Sachen innerkirchlicher Reform zu einer solchen Enttäuschung für viele Katholiken hat werden lassen.