Die Finanzmärkte erleben einen tiefgreifenden Umbruch: Die drastische Korrektur bei High-Tech-Aktien und der starke Zinsanstieg sind nur die Oberfläche. Bis in dieses Jahr hinein sind die Aktien von Technologie-Unternehmen extrem hoch bewertet worden. Das hat ihnen gewaltige Erlöse beim Börsengang und entsprechend niedrige Kapitalkosten beschert.

Während die Kurse von Firmen der Digitaltechnologie und Telekommunikation auf den großen Aktienmärkten von 1998 bis Anfang dieses Jahres um das Dreifache, in Deutschland sogar um das Fünffache stiegen, bewegten sich die Unternehmen aus der Old Economy seitwärts. Die Ersteren erhöhten ihr Kapital, Letztere kauften die eigenen Aktien zurück. Außerdem kam es im großen Stil zu Unternehmensübernahmen, die mit Aktien bezahlt wurden.

Vor allem grenzüberschreitende Unternehmensübernahmen haben die internationalen Kapitalströme anschwellen lassen, sodass insbesondere das ausufernde Leistungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten von 340 Milliarden Dollar 1999 (etwa 3,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) ohne nennenswerte Korrektur des Wechselkurses finanziert werden konnte. All das waren reale Folgen der Überbewertungen am Aktienmarkt, die sich korrigieren müssen, wenn jetzt die Aktienkurse sinken.

Gleichzeitig vollzieht sich an den Anleihemärkten ein ebenfalls dramatischer Wandel. Die öffentlichen Haushalte brauchen viel weniger Kapital als früher.

Amerika hat gar kein Haushaltsdefizit mehr und tilgt die Schulden. Auch in Europa haben sich die Staatsdefizite im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt stark verringert. Die öffentlichen Schuldner ziehen sich vom Anleihemarkt zurück, während private Unternehmen mehr denn je Anleihen aufnehmen. Brisante Folge ist, dass sich Banken als Marktmacher von Staatsanleihen vom Markt zurückgezogen haben, um ihr Kapital in anderen Geschäften rentabler einzusetzen. Dadurch fehlt den Märkten Liquidität.

Die Folgen in den vergangenen Monaten: Anleihekurse schwankten wie nie zuvor, es kam zu starken Zinsausschlägen. Staatsanleihen - sie stellen wegen der hohen Kreditwürdigkeit des Staates das geringste Ausfallrisiko dar - sind eine Orientierungsmarke für die Anleihen aller anderen Schuldner. Die Anleger müssen das Risiko einer Unternehmensanleihe oder einer Anleihe aus einem asiatischen oder lateinamerikanischen Schwellenland am Zinsabstand zu Staatsanleihen aus Industrieländern messen. Wenn diese Basis zu sehr schwankt, taugt sie nicht mehr als Maßstab. So sind die Zinsabstände, die das Risiko zwischen riskanten Anleihen und Staatsanleihen messen, in den vergangenen Monaten immer wieder durcheinander geraten. Das hat viele Anleger verwirrt.

Dazu trägt ein zweiter Faktor bei: der von den Notenbanken vorangetriebene Zinsanstieg. Es mag gute Gründe geben, dass die amerikanische Notenbank mit höheren Zinsen den Aufschwung in Amerika dämpft, um einer starken Beschleunigung der Inflation vorzubeugen. Die US-Notenbank selbst weiß nicht, wie weit sie dabei noch gehen muss. Um die Konjunkturtendenzen abzulesen, hangelt sie sich von einer Monatskennzahl zur nächsten. Wie sollen dann Unternehmen, institutionelle oder gar private Anleger den Zinstrend abschätzen?