Das Mittelgrau und -braun seiner Anzüge lässt den Reporter Joseph Mitchell mit New Yorks Asphalt und den hölzernen Theken unscheinbarer Restaurants verschmelzen wie einen Borkenkäfer mit der Borke. Nach seiner Arbeit beim New Yorker denkt der 42-Jährige daran, seinen Töchtern und seiner Frau Elizabeth eine Wassermelone mitzubringen. Den Esszimmertisch legt Mitchell mit einer Seite aus dem New Yorker aus, bevor er die Melone anschneidet. Kauend umrunden die Familienmitglieder den Tisch, die Kerne spucken sie aufs Papier. "Daddy", bemerkt Mitchell an dieser Stelle in Stanley Tuccis Film Joe Goulds Geheimnis, "Daddy sagte immer, das sei das Einzige, wozu eine Zeitung gut ist."

In einem Film, der sich auf das Geheimnis seiner Titelfigur zu konzentrieren scheint, ist diese Szene ein Geniestreich. Stanley Tucci selbst spielt den Mann, der durch und durch Journalist war, als wandelnde Ambivalenz. Mitchells Gespür für komplexe Lebenslügen und legendäre Halbwahrheiten floss in Geschichten über das Künstlerviertel Greenwich Village ein, nirgends aber luzider als in dem Porträt über den exzentrischen Bohemien Joe Gould, das Mitchell 1942 schrieb. Sein Artikel erhob den als Penner und Trunkenbold, belesenes Lästermaul und selbst ernannten Kenner der Möwensprache verschrienen Gould zum "Professor Möwe". 22 Jahre später, Joe Gould war 1957 im Alter von 68 Jahren in einem State Hospital gestorben, enthüllte Mitchell Goulds Geheimnis. Unermüdlich hatte der verlauste Mythomane literarische Größen wie E. E. Cummings und tumb amüsierte Touristen mit der Vision vom Nobelpreis geplagt, den man ihm eines Tages für seine Erzählte Geschichte verleihen werde. "Die Geschichte einer Nation findet nicht in Parlamenten und auf Schlachtfeldern statt, sondern darin, was die Menschen an normalen Tagen ... zueinander sagen": Ein Satz von William Butler Yeats brachte Gould, Abkömmling einer alteingesessenen Familie, Harvard-Absolvent und Wohlstands-Flüchtling, auf die Idee, ein Buch zu schreiben, das, zweimal so dick wie die Bibel, die Gedankenströme, das Unterbewusstsein eines vielstimmigen Babels aufnehmen sollte.

Nur verwirklicht hat Gould nie, was ihn in Obdachlosenheimen und Bordellen, auf Dichterlesungen und den Partys der Möchtegern- und Dereinst-Berühmtheiten umtrieb. Mitchells zweiter Artikel, mitsamt dem Porträt zu dem Buch zusammengefasst, auf dem Tuccis einfallsreiche Verfilmung beruht, gab preis, dass Goulds Schaffen aus drei, vier autobiografischen Fragmenten bestand, die der Selbstdarsteller in der Tragikomödie seines Lebens tausendfach in Schulhefte kopierte und als Partikel seines verstreuten Meisterwerks anpries.

Die Macht des Zeitungs-, des Meinungsmachers ist evident in Tuccis ebenso komischer wie altmodisch auf Verantwortung fürs Geschriebene (und Gezeigte) pochender Verfilmung. Und doch hält sein Joseph Mitchell an dem vernichtenden Urteil seines Vaters fest: Die Zeitung, mit der Mitchell Goulds Leben verändert, ist gerade gut genug, um Flecken vom Blütenweiß bourgeoiser Tischdecken fern zu halten. Mitchells Zweifel am Wert der eigenen Worte weisen ihn als gezähmte, bürgerliche Version des grotesk an der Unsagbarkeit scheiternden Fantasieschrifstellers Gould aus. Diese Nähe zu einem Exhibitionisten des Worts, der selbst Bewunderer und Gönner aus Künstlerkreisen mit unverhüllter Dreistigkeit und bisweilen auch körperlich nackten Tatsachen in die Flucht schlägt, verrät den Verräter Mitchell: So sehr wünscht sich der vom Aufklauben fremder Träume ernüchterte Rechercheur, dass Gould mit seiner Geschichte von unten die Unerhörten und Übersehenen, die Aussichts- und Wortlosen ins Recht setzen möge, dass er New York die Ikone aus der Gosse verschreibt. Selbst Mitchells Demontage hält noch die Bewunderung für einen Meister der Selbsttäuschung fest, der unter der Maske eines rätselhaften Autors unveröffentlichter Werke die masochistische Hoffnung des Spießers aufs Demaskiertwerden demaskierte.

Gesehen haben aber muss man, was der Shakespeare-Darsteller Ian Holm aus dem Ketchup schlabbernden, auf "Möwisch" kreischenden und blitzartig den Weltschmerz durch Lüsternheit vertreibenden Gould macht. Mag der Film Goulds Macken auch auswalzen wie der Nichtautor die Luftschlösser-Kapitel seiner Erzählten Geschichte, Ian Holm verleiht dem kleinen Träumer eine donquichotteske Größe.