ACCCAA AGAACT ATAAAT CATGCT ... die letzte Sequenz des menschlichen Genoms, wie sie die Frankfurter Allgemeine Zeitung kürzlich mit Erlaubnis ihres Erforschers Craig Venter vorstellte, muss man sich ungefähr so vorstellen.

Die vier Basen der DNS, ausgedrückt durch die Buchstaben C, G, A und T, verraten in ihrer Kombination die "größte wissenschaftliche Revolution unserer Zeit", jubelte das Blatt. Derart setze sich der Stoff zusammen, aus dem das Leben ist. Die "Grammatik der Biologie" als Buchstabenfolge auf sechs Seiten des FAZ-Feuilletons: Die Jäger aus dem Gallusviertel auf der Suche nach dem allerletzten Geheimnis.

Vision, schrieb der verantwortliche Herausgeber Frank Schirrmacher kürzlich, bevor er in den Urlaub abschwirrte, sei "auch Marketing". Auch! Natürlich stecke in den Bekundungen der neuen Wissenschaft Werbung und manch Wichtigtuerei. Aber unangemessen wäre es, fuhr er fort, eine solche anwendungsorientierte amerikanische Revolution gegen einen vorgeblich reinen Begriff von Wissenschaft der Europäer auszuspielen. Die FAZ, die das Utopische oft für Teufelszeug hielt, redet von Visionen. Sie entdeckt mit Lust die "System Builders" der neuen Gründerzeit, als stünde nach dem Systemkonflikt des vergangenen Jahrhunderts eine Systemdebatte ganz anderer Art bevor. Und die führt sie. Mit ähnlicher Emphase teilte die FAZ auf der Seite eins mit, nach einjährigem Experimentieren zur alten Rechtschreibung zurückzukehren. Vorgeschlagen, so Schirrmacher, habe ihm das sein Herausgeberkollege Günther Nonnenmacher. Spontan habe er zugestimmt. Einer "Vor-Schrift" entledigt, von Fesseln befreit!

Etwas ist in Bewegung. Der FAZ, das werden im Fall der Biomedizin auch Kritiker einräumen müssen, ist es innerhalb weniger Wochen geglückt, eine gesellschaftspolitisch und kulturell relevante Frage zu politisieren, etwas, das den jammernden Forschungsministern zehn Jahre lang missglückte. Ein einziger Kunstgriff hat das ermöglicht: Schirrmacher hat das Sujet von den Wissenschaftsseiten (die bei der FAZ auch dem Feuilleton und damit ihm unterstehen) weggeholt und mit Herausgebermacht im Feuilleton platziert.

Aber es geht ja tolerant zu. Wissen, das kein Glück bringt: So war ein Essay aus der Feder Konrad Adams überschrieben, der gegen die Euphorie hielt. Adam wechselt übrigens das Blatt und geht zur Welt. Wie Eckhard Fuhr, Chef der Innenpolitik seit 1997 und Nachfolger des legendären Karl Friedrich Fromme.

Und, nicht zu vergessen, wie Ulrich Weinzierl, Feuilletonkorrespondent aus Wien, der nicht nur die brillantesten Miniaturen, sondern auch die pointiertesten Sittenbilder über Jörg Haider und sein ademokratisches Denken geliefert hat, die im Blätterwald zu entdecken waren. Was bewegt sich da und weshalb?

TAAGCC AATGAC AATAAA GATGAC ... die Türen stehen offen. Ja, die Herausgeber, die Kommentatoren, die Blattmacher sind zu sprechen. Die FAZ zeigt sich. Ein intaktes Haus, denkt man, jedenfalls auf den ersten Blick. Ein Kloster, wie es oft gesagt worden ist, mit strengen Ordensregeln? Es fallen durchaus offene, selbstkritische Worte. Schweigsamer wird es, wenn es um Fragen wie die geht, weshalb der Innenressortchef Fuhr auf dem Höhepunkt der Kohl-Affäre verzweifelt und entnervt das Handtuch warf.