Schon seit etlichen Jahren trifft in Italien die alte Gleichsetzung der "lesenden", denkenden, tonangebenden Szene mit "der Linken" nicht mehr zu.

Nicht etwa deshalb, weil es aufseiten der Berlusconi-Rechten so viel originelle neue Denker oder Ideen gäbe (und die, die wir dort lesen können, sind selber Ehemalige - zumeist Kommunisten).

Nein, die italienische kulturelle Linke hat keine eigenen politischen Ideen mehr: Ihre alten theoretischen Schutzpatrone, ob Benedetto Croce oder Antonio Gramsci, hat sie schon lange in die Rumpelkammer gestellt. Versuche, neue Theorieformeln oder Politikmodelle (ob Habermas oder Beck oder Blair) in einen italienischen "modernen Reformismus" zu importieren, wirkten gekünstelt. Der "Dritte Weg" war bald kulturelles Beiprogramm im Gezänk diverser Linksparteien - vor abnehmendem Publikum. Nun steht auch die von Gramsci gegründete Tageszeitung l'Unità vor dem Aus - jedenfalls dann, wenn nicht fortschrittliche Kapitalisten wie Benetton noch einmal eine Kapitalspritze riskieren ...

Alle Meinungsumfragen verkünden: Berlusconi ante portas. Postkommunist D'Alema ist schuld, sagen die Linksintellektuellen, er hat sich übertaktiert.

Schon der Abschied vom Eurokommunismus sei falsch gelaufen, meinen die anderen

überhaupt seien die Linksdemokraten (DS) keine Linke mehr - so der alte PCI-Führer Pietro Ingrao in der seit kurzem wieder erscheinenden Monatszeitschrift manifesto von Rossana Rossanda, Luigi Pintor und anderen.

Ach, vor 30 Jahren war diese Zeitschrift aufregend und neu(gierig). Heute erscheint dieser Marxismus im spartanischen Layout nur mehr als Zitat seiner selbst.