Am besten legt man sich platt auf den Boden, um dem Zicklein mit den zwei Köpfen, das auf dem untersten Vitrinenbord steht, in die vier Augen schauen zu können. Danach stellt man sich so lange wie möglich auf die Zehenspitzen, um jede Rundung der drallen Eva aus Birnbaumholz zu genießen. Vierzehn Vitrinen, je zwei für Botanik, Zoologie, Anatomie, Mathematik und so fort: diese Etikettierung beschreibt die in Braunschweig gezeigte Ausstellung über die Kunst- und Wunderkammer zwar objektiv - aber subjektiv geht sie voll daneben. Denn das Gefühl, zwischen Igelfisch und versteinerten Zungen von Schlangen (Haifischzähne), zwischen einem Wilden Mann aus Silberdraht und der kleinen Bronzestatuette eines plattfüßigen Elefanten zu stehen, übertrifft an Sensation sogar den Kronschatz des British Empire. Hier prickelt viel Feineres: ein Zauber, der immer noch auf der Welt liegt und den alle diejenigen kennen, die sich über die Gestalt eines Knabenkrautes begeistern können oder sich beim Anblick einer Sternschnuppe etwas wünschen.

Kunst- und Wunderkammern, so belehrt uns der Katalog, sind seit der Frührenaissance der Versuch gewesen, die Welt zu systematisieren: mit einem Mikrokosmos den ganzen Makrokosmos zu begreifen. Größte Anstrengungen seien vor allem darein gesteckt worden, das ganze Stückwerk zu ordnen. Schrecklich, wenn das alles gewesen sein soll.

Den Grundstock für die heute in Braunschweig aufbewahrten Kuriositäten legte Herzog August der Jüngere (1597-1666). Wie er seine Schätze aufbewahrte, ist bis heute nicht bekannt. Erst seine Söhne, die er mit dem Sammelfieber angesteckt hatte, richteten regelrechte Kunstkammern ein. Sie wählten die Bibliothek des Vaters in der Wolfenbüttler Residenz als Ort für eine erste Kunstkammer.

Doch dann versiegte die Lust an den wundersamen Dingen. Bis Herzog Carl I.

(1713-1780) den Staub von Regalen blies und Grund in das Sammelsurium brachte. Naturalien und Instrumente kommandierte er ab in die Lehrmittelsammlung des Collegium Carolinum in Braunschweig, Bilder, Plastiken, Geschirre kamen ins neue Museum in Braunschweig, wurden katalogisiert und in die entsprechenden Spezialabteilungen gesteckt.

Die dralle Eva bekam die Inventarnummer Hol 9, der Wilde Mann verschwand unter Inventarnummer Kos 361. Erst ein niedersächsisches Großereignis brachte sie wieder näher zusammen: Die Weltausstellung in Hannover lieferte Anlass, sich an die Kunstkammer zu erinnern. Weltenharmonie heißt ihr Titel, brüderlich verwandt mit dem Untertitel der Expo Mensch - Natur - Technik. So wie die Holländer in ihrem futuristischen Sandwichhaus den Wald in den dritten Stock verlegten, die Teiche aufs Dach, so sortierten die Braunschweiger Museumsleute ihre Bestände neu und bestellten aus Halle, Wittenberg oder Ingolstadt noch einiges hinzu.

Eva steht jetzt nur wenige Regalbretter entfernt von der naturalistischen Wachsfigur eines toten Christus. Zwischen den beiden befindet sich das Präparat eines menschlichen Herzens, der Schädel eines Nubiers und ein Trepanbohrer aus dem 18. Jahrhundert. Mit diesem Schädelbohrer kurierten Ärzte Knochenverletzungen am Kopf und auch traumatische Formen der Epilepsie.