Madrid

Ist so was denn überhaupt möglich? Heute, hier, unter uns? Das fragen sich zurzeit die Spanier nahezu täglich. So vieles haben wir erreicht. Spanien ist ein anderes, ein besseres Land geworden. Historisch betrachtet, sind die letzten drei Jahrzehnte ein gesellschaftspolitisches Wunder, ein Erfolgserlebnis, das man nicht zu erträumen gewagt hatte. Der Kainsche Bruderhass, der sich unter Spaniern durch soziale Rückständigkeit, religiösen Obskurantismus und politische Unterdrückung jahrhundertelang aufgestaut und im Bürgerkrieg 1936 auf schlimmste Weise entladen hatte, war aus unserer Wirklichkeit verschwunden. Die neuen Generationen betrachten Freiheit, Demokratie und wachsenden Wohlstand als selbstverständlich. Zum ersten Male sind die Spanier weitgehend einig darüber, dass sie in einer Demokratie leben, die ihnen individuelles, familiäres und gemeinschaftliches Glück möglich macht

und dass auch die konstitutionelle Monarchie unter König Juan Carlos I. ihren Dienst an der Lebensqualität ihrer Bürger leistet. Ohne patriotisches Pathos, pragmatisch, sehr zivil. Der spanische Patriotismus, geimpft durch die grotesken Erfahrungen der Vergangenheit, ist ein sozialer Vertrag, ein Verfassungspatriotismus. Ähnlich wie Deutschland hat Spanien in einem demokratischen Europa die Heilung seiner Seele von den Wunden der Vergangenheit gesucht. Und gefunden.

Und dennoch konnte dieses Land sich bis heute nicht ganz vom Phantom seiner dunklen, gewalttätigen und hasserfüllten Geschichte befreien. Das kleine Baskenland, im Norden am Kantabrischen Meer gelegen, hat diese Evolution der letzten Jahrzehnte nicht mitvollzogen. Die Morde und Anschläge der vergangenen Wochen sind dafür ein tragischer Beweis. Und viele fürchten, die kommenden Monate könnten noch grausamer werden. Ein großer Teil der Spanier - auch der baskischen Spanier - ist überzeugt, dass noch viel mehr Blut fließen wird, ehe die Spanier im Baskenland Freiheit und Wohlstand so fröhlich und entspannt genießen können, wie es im Rest des Landes selbstverständlich ist.

Die spanische Gesellschaft ist schockiert und entrüstet angesichts des beinahe täglichen Terrors im Baskenland, aber auch in Madrid und an anderen Schauplätzen terroristischer Verbrechen. Und sie findet keinen Weg aus der Trauer. Politiker, Journalisten, Unternehmer, Polizisten und Militärs werden auf offener Straße ermordet, mit Genickschüssen, im Kugelhagel, per Autobombe. Menschen werden mit Erpresserbriefen bedroht, Wohnungen, Schulen, Universitäten mit Todesdrohungen beschmiert. Angst herrscht im Baskenland.

Eine neue Umfrage zeigt, dass 70 Prozent der Einwohner dieser autonomen Provinz Angst davor haben, sich politisch zu betätigen oder auch nur über Politik zu reden. Wer will es ihnen verübeln? Politisches Engagement ist lebensgefährlich im Baskenland. Offene Worte sind es auch. In den Kneipen in kleinen Orten wie Markina, Bergara oder Lekeitio, aber auch in Bilbao oder San Sebastian werden die Menschen sehr leise, wenn jemand sie befragt über "die Situation".

Der "baskische Konflikt": Das neue demokratische Spanien hoffte, ihn mit der Verfassung von 1978 und dem Autonomiestatut von 1979 endlich zu lösen. Ganz auszuschließen war das ja nicht. Schließlich handelte es sich, entgegen einer zählebigen Legende, keineswegs um einen jahrhundertealten Konflikt zwischen braven und tüchtigen Basken und skrupellosen und dekadenten Spaniern, um die Wiederherstellung einer alten nationalen Idylle und die Befreiung eines unterjochten Ureinwohnervolkes. Wie viele Nationalismen ist auch der baskische ein Exportprodukt des deutschen Romantizismus. Auch im Baskenland haben Kaffeehausliteraten im 19. Jahrhundert sich eine Vergangenheit zurechtgeredet, die es niemals gegeben hat, und einen baskischen Mythos vom Leiden eines Volkes gesponnen, das sein Paradies durch fremde Gewalt und Verrat verloren habe.