Das Buch leistet Vorarbeit für ein Werk, das noch zu schreiben bleibt.

Dieses müsste die Wege und Umwege nachzeichnen, die die intellektuelle und literarische Auseinandersetzung mit der Faktizität von Auschwitz wie mit dessen Chiffrierung seit 1945 durchschritten hat. Enzo Traversos Arbeit ist ein Anfang dazu, insofern er an Texte von acht Autoren erinnert, die in den vierziger und fünfziger Jahren damit begannen, über die Voraussetzungen und die Folgen des Mordes am europäischen Judentum nachzudenken. Das war keineswegs selbstverständlich, denn noch bis in die siebziger Jahre hinein nahm das Wort "Auschwitz" in der wissenschaftlichen wie in der Memoirenliteratur einen untergeordneten Platz ein. Zunächst galt der Mord an den Juden einfach als ein Verbrechen, wie sie ein Krieg mit sich brachte, dessen zwiespältige Neuheit darin bestand, dass von allen Armeen und ihren Helfern mehr Zivilisten getötet wurden als Kombattanten.

Hannah Arendt, Günther Anders, Theodor W. Adorno, Paul Celan, Jean Améry, Primo Levi, Dwight Macdonald, Jean-Paul Sartre und einige andere Intellektuelle begannen schon vor beziehungsweise bei Kriegsende über das Schicksal der Juden zu schreiben, nachdem "die völlige Austilgung der europäischen Judenschaft" - so Thomas Mann in einer Radiosendung vom 27.

September 1942 - bekannt geworden war. Präzise Angaben zur Dimension des Völkermords brachte die Zeitung The Nation am 19. Dezember 1942. Besondere Verdienste kommen dem amerikanischen Journalisten Dwight Macdonald zu, der in seiner Zeitschrift Politics schon 1945 nach "der Verantwortung der Völker" fragte für eine regressive Kriegsführung, die den Massenmord in "Todesfabriken" und durch Atombomben in Kauf nahm. Macdonald analysierte die Schuldfrage so präzise, dass Hannah Arendt und Karl Jaspers daran anschließen konnten, als sie in ihren Arbeiten 1946 die abwegigen Vorstellungen von "Kollektivschuld" zurückwiesen und "die Realität" von Auschwitz zu begreifen versuchten, "ohne ihr die Historizität zu nehmen, ohne sie aus ihrem Kontext herauszulösen".

Die Verbrechen wurden nicht von Monstern begangen

Hannah Arendt untersuchte in frühen Essays (Das Bild der Hölle, 1946) - im Anschluss an Macdonald - alle wesentlichen Fundamente des nationalsozialistischen Vernichtungsprogramms: die wissenschaftlichen beziehungsweise pseudowissenschaftlichen Grundlagen, die industrielle Effizienz der Durchführung, die verwaltungsmäßige Rationalität und "die Komplizenschaft des deutschen Volkes". Wie später beim Eichmann-Prozess erkannte sie, dass die Verbrechen nicht von "Monstern" begangen wurden, sondern dass eine verbrecherisch gewordene Staatsgewalt "die Normalität von Menschen" ausnutzte und mobilisierte, um bislang Unvorstellbares zu organisieren: von der justizförmigen Entrechtung über die öffentliche Entwürdigung von Menschen bis zu ihrer Vergasung oder Vernichtung durch Zwangsarbeit.

Traverso rekonstruiert den frühen Auschwitz-Diskurs von bekannten, aber heute wenig gelesenen Texten von Celans Todesfuge (1945) bis zu Amérys Jenseits von Schuld und Sühne (1966) und Anders' Antiquiertheit des Menschen (1956