Schwester Nicole hat den Dreh raus: Sie bringt die Sozialenzyklika von Papst Johannes Paul II. (Laborem exercens, 1981) in Einklang mit dem Spekulieren an der Börse. "Die Wirtschaft muss im Dienste des Menschen stehen und nicht umgekehrt" ist ein Grundsatz der 70-jährigen Nonne. Weil sie diesen beharrlich befolgt, macht Schwester Nicole gute Gewinne - Geld, das nicht nur den Ordensschwestern, sondern jedem Anleger zukommen kann.

1983 legte Nicole Reille, die Finanzverwalterin des Pariser Notre-Dame-Ordens, den ersten Ethikfonds Frankreichs namens Nouvelle Stratégie 50 (französische Kennnummer 736972) auf. Seit seiner Gründung wuchs dieser Mischfonds, der je zur Hälfte aus Renten- und Aktienpapieren besteht, pro Jahr um rund neun Prozent. Bis zur Mitte dieses an der Börse vergleichsweise flauen Jahres legte der Fonds immerhin um knapp sechs Prozent zu.

Doch das ist noch relativ bescheiden im Vergleich zu dem Aktienfonds Actions Éthique (Kennnummer 702448), den Schwester Nicole vor zwei Jahren auflegte.

Dieser zu drei Vierteln aus französischen Werten bestehende Fonds kletterte im vergangenen Jahr um 41 Prozent und unterbot damit nur knapp den Anstieg des Börsenindex CAC 40, des französischen Pendants zum deutschen Dax. Beide Fonds vereinen ein Gesamtkapital von 220 Millionen Franc, umgerechnet mehr als 65 Millionen Mark. Den Fonds gehören nur Aktien zweier deutscher Unternehmen an: der Allianz und des zum Übernahmenkandidaten gewordenen Einzelhandelsriesen Metro.

Der Kosmetikriese L'Oréal ist bei den Schwestern beliebt

Wer aufgenommen werden will, muss 20 Kriterien erfüllen. "Ich sage den Unternehmenschefs ganz klar, dass mich nicht nur ihr Geld interessiert, sondern vor allem ihre Ethik und ihr moralisches Verhalten", erklärt Nicole Reille, die gleichzeitig Vorsitzende der Vereinigung Éthique et Investissement ist. Diese aus rund 40 Kongregationen und einigen Laizisten bestehende Kontrollinstanz lädt jedes halbe Jahr die patrons der großen Konzerne zur Anhörung ein und bombardiert sie mit Fragen dieser Art: Wie viele Mitarbeiter haben Sie eingestellt? Gibt es Mitbestimmung? Investieren Sie in die Fortbildung? Beschäftigen Sie auch Behinderte? Dabei hilft den Nonnen ein umfangreicher Datenkatalog der Gesellschaft Arèse, die französische und europäische Unternehmen auf ihre Ethik, das heißt vor allem auf ihr soziales Engagement hin abklopft und anschließend ähnlich wie Moody's klassifiziert. L'Oréal ist danach Spitze.

Zuletzt stand der weltweit viertgrößte Mineralölkonzern Totalfina Elf auf dem Prüfstand der Ordensfrauen. Ein delikates Unterfangen: Der Gruppe wird vorgeworfen, für die größte Ölkatastrophe Frankreichs an der bretonischen Küste verantwortlich zu sein. Überdies sprudeln die Geschäfte des Multis in Birma, einem Land, das die Menschrechte mit Füßen tritt. Während es sich Unternehmensbosse sonst nicht nehmen lassen, vor den kritischen Anlegern Rechenschaft abzulegen, hatte Totalfina diese Mal lediglich den Pressesprecher geschickt. Für solche Treffen funktionieren die Religiösen die Kapelle des Enfant-Jésus-Ordens im Herzen von Paris zu einem Konferenzsaal um. Wo sonst Stille und Einkehr herrschen, konnte der Totalfina-Kommunikationschef dank gewiefter Rhetorik gerade noch einen Eklat verhindern. "Nachdem wir noch den Betriebsrat von Totalfina gehört hatten, beschlossen wir, das Unternehmen nicht aus dem Fonds zu nehmen. Denn es hat gleichzeitig eine in Frankreich bekannte, recht soziale Personalpolitik", erklärt Schwester Nicole.