In Bayern steht derzeit ein Arzt unter Verdacht. Das wäre nicht weiter seltsam, denn Ärzte eignen sich wie alle, die überschätzt werden, für Bezichtigungen. Es ist die Überschätzung, die die Enttäuschung hervorruft, und im Falle der Ärzte liegt die Überschätzung im Interesse der Patienten: Diese wollen um jeden Preis geheilt werden, und da kommt es ja noch billig, die Ärzte für "Götter in Weiß" zu halten. Der Arzt in Bayern wird verdächtigt, mehr als dreißig Millionen Mark unberechtigt eingestrichen zu haben. Die juristische Seite ist das eine, das andere aber ist der Status solcher Ärzte: Der Doktor in Bayern leitet das größte medizinische Labor Deutschlands, beschäftigt 1300 Mitarbeiter und schätzt seinen Marktanteil in der Branche auf 20 Prozent ein. Er ist, schreibt die Frankfurter Rundschau, sowohl "Unternehmer als auch Arzt".

Daran habe ich kein moralisch-kulturkritisches Interesse, und ich werfe niemandem vor, dass er sein Geld zählt, anstatt aufopfernd an den Krankenbetten zu weilen. Mein Interesse ist soziologischhistorisch: Liest man nämlich Die Eroberung der Gesundheit 1750-1900 von Calixte Hudemann-Simon, erschienen im Fischer Verlag, dann kann man nur darüber staunen, was für ein Kampf es durch die Jahrhunderte war, die Ärzteschaft halbwegs zu etablieren.

Bei der großen Choleraepidemie im 19. Jahrhundert zum Beispiel standen die Ärzte beim Volk im Verdacht, das Brunnenwasser vergiftet zu haben, um die Armen loszuwerden. In England misstraute man den Allgemeinmedizinern, weil sie pharmazeutisch tätig waren, also Medikamente verscherbelten. Man hielt sie für Krämer.

Seinerzeit konkurrierten die Ärzte mit dem anderem Pflegepersonal: Was einer im Krankenhaus von einem Arzt lernt, kann er dann ja als Kurpfuscher profitabel anwenden! Die Krankenschwestern standen nicht im besten Ruf: Die Erpressung von Kranken für die entsprechende Pflege oder ihre Versorgung mit ärztlich verbotenen Lebensmitteln sowie die Dezimierung der Weinvorräte waren ihre hauptsächlichen Verstöße.

Und überhaupt die Krankenhäuser: Erst allmählich setzte es sich durch, die Betten mit nur einem Patienten zu belegen. Nach und nach wurden die wanzenverseuchten Holzbetten durch Eisenbetten und die Strohsäcke durch Rosshaarmatratzen oder Metallauflagen ersetzt. Sogar die Bettwäsche wurde nicht oft, aber immer öfter gewechselt, und schließlich erhielten die Kranken, die bis dahin sich mit ihren Fingern bedienen mussten, Essbesteck.

In einem Krankenhaus verstummte niemals der Lärm, "ob er nun von den alltäglichen Tätigkeiten herrührte oder noch durch das Schreien der Operierten oder Brandopfer verstärkt wurde".

Die Landärzte waren bilderbuchartig bei jedem Wetter auf ihren Pferden oder im Gebirge auf ihren Eseln unterwegs. Das Gelände war schwer passierbar, aber die Retter in der Not kamen, um zu trösten oder zu schimpfen, da die Bauern so lange wie möglich ihren Geldbeutel schonen wollten und den Arzt deshalb gewöhnlich zu spät riefen. In manchen Krankenhäusern wurden Menschen nur aufgenommen, wenn sie Geld für ihre eventuelle Beerdigung vorweisen konnten.